Autodesign: Formen ohne Mumm - DER SPIEGEL
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Autodesign Formen ohne Mumm

Geredet wird viel über Design - doch kaum eine neue Karosserie bietet auch wirklich einen neuen Look: Bei Facelifts werden oft nur Leuchten und Leisten ausgetauscht, und auch bei vielen neuen Autos tut sich optisch wenig. Das aber liegt nicht nur an den Herstellern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hans-Jürgen Wöhler ist stolz. Wenn im Frühjahr Porsche Boxster und Cayman auf den Markt kommen, dann stehe, so sagt der Entwickler im Brustton der Überzeugung, eine völlig neue Generation bei den Händlern. Für die Technik mag diese Einschätzung zutreffen, denn im Heck von Roadster und Coupé stecken tatsächlich neue Motoren. Für das Design jedoch gilt eher das Gegenteil. Wie mittlerweile in der Branche üblich, hat auch Porsche bei dem als Generationswechsel gepriesenen Facelift lediglich ein paar Weichteile verändert. Als kämen die Sportwagen vom Visagisten, gibt es ein hier ein bisschen neues Make-Up, da ein Spritzchen Botox, dort ein wenig Silikon – aber sowas macht ja noch keinen neuen Typ.

Mit der zaudernden Designentwicklung sind die Schwaben in großer Gesellschaft. Ob München, Stuttgart, Wolfsburg - die Kreativen üben sich in stilistischer Zurückhaltung. Viel mehr als neue Scheinwerfer oder Leisten, vielleicht einen retuschierten Kühlergrill und ein paar frische Farben und gab es weder bei der Modellpflege für den 3er BMW, noch für den Audi A6, den Peugeot 406 oder die Mercedes M-Klasse. Auch aktuelle Neuerscheinungen wie die aufpolierten Kleinwagen Toyota Aygo, Citroën C1 oder Peugeot 107 oder der japanische Kompaktwagen Honda Civic zeugen vom kleinen Spielraum der Designer.

Im Falle von Facelifts ist diese Zurückhaltung noch erklärbar: Denn jede Veränderung an einem Blechteil kostet rasch eine sechsstellige Summe, weil nicht nur das neue Teil geformt werden muss, sondern auch die Werkzeuge dazu neu hergestellt werden müssten. Derart immense Kosten sind bei der Auffrischung eines Automodells für keinen Hersteller mehr tragbar.

Auch neue Autos sehen oft nicht wirklich neu aus

Doch das Zaudern geht noch weiter. Denn selbst bei wirklich neuen Autos üben sich die Hersteller zunehmend in gestalterischer Zurückhaltung. Der kürzlich vorgestellte VW Golf VI sieht von weitem aus wie das Vorgängermodell und der neue Mazda 3 ist dem alten Auto auf den ersten Blick wie aus dem Gesicht geschnitten. Was soll das?

Wer sich umhört, erhält häufig als Antwort, dass das unter anderem an der zyklischen Entwicklung der Produkte liege. Das bedeutet: Auf einen echten formalen Richtungswechsel bei einem neuen Auto folgt in der Regel sechs bis acht Jahre später nur eine leichte Kurskorrektur, bevor dann in Generation drei wieder ein eher revolutionärer Designsprung sinnvoll ist.

Markentypisches Design als Kreativ-Hindernis

Einen Grund für den Gleichmut der Industrie sieht Designprofessor Lutz Fügener von der Hochschule Pforzheim in der so genannten Familienpolitik der Hersteller: "In den letzten Jahren hat sich über alle Produkte einer Marke hinweg eine sehr stringente Form im Umgang mit den typischen Erkennungsmerkmalen des Unternehmens entwickelt." Im Zweifel habe sich die Gestaltung des einzelnen Automodells dem Gesamtbild der Marke zu unterwerfen. So sollen positive Attribute von einem Modell auf alle anderen abstrahlen.

Aus Sicht des unabhängigen Designers hat die Sache jedoch einen Haken. "Ausbrecher können nicht mehr geduldet werden. Elemente wie Kühler oder ganze Fronten, Scheinwerfer oder Seitenlinien finden sich an allen Modellen einer Marke wieder", sagt Fügener. Die Wiedererkennbarkeit sei so zwar gewachsen, doch das einzelne Modell habe an Identität verloren. Obendrein schleiche sich so eine gewisse Trägheit ins Design, die logisch erklärbar ist. "Hat man über Jahre mit viel Mühe ein bestimmtes Designelement in allen Baureihen durchgesetzt, lässt die Änderung dieses Elements an einem neuen Modell nicht nur den Vorgänger, sondern gleich die gesamte Familie alt aussehen."

"Der neue BMW 7er ist alt geboren"

Auch Designprofessor Paolo Tumminelli sieht einen anhaltenden Trend zum Zaudern. Weil neue Modelle in einer Flut von Premieren kurzfristig erfolgreich sein müssten, werde ihr Design immer konservativer. "Eine Gewöhnungsphase wird nicht mehr geduldet", klagt Tumminelli, "doch Innovation braucht immer Zeit und Überzeugungstäter, um akzeptiert zu werden." So war es beispielsweise beim Smart. Umgekehrt wirke der neue 7er BMW gestalterisch nahezu wie der schon bekannte 5er, das Designkonzept sei nicht weiterentwickelt worden. Tuminelli: "Der Wagen ist alt geboren, er zieht nicht an, und er wird schnell verschwinden."

Die Ursachen für diese Verzagtheit liegen nicht nur bei den Herstellern. "Wir Autokäufer müssen uns auch an die eigene Nase fassen", sagt der Mainzer Designer Bernd Michalak. Die Erfahrung der letzten Jahre zeige, wie wenig Mut die Kunden hätten, wie wenig sie Neues goutierten. "Innovative Formen wurden in der Vergangenheit meist mit Nichtachtung gestraft", sagt Michalak. Nicht zuletzt die Lage von Lancia zeige, dass Mut nicht belohnt werde. Wer nicht durchfallen wolle, könne sich als Massenhersteller extravagante Autos heute nicht mehr erlauben. "An einem VW Golf darf keiner etwas Störendes finden", sagt Michalak und fasst die Designentwicklung so zusammen: Mutlose Kunden kauften keine mutigen Autos.