Autofahrt mit Kindern: "Mami, mir ist schlecht" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Autofahrt mit Kindern "Mami, mir ist schlecht"

"Wann sind wir endlich da?", "Ich hab' Hunger", "Ich muss mal"… Lange Autofahrten mit Kindern können für alle zur Tortur werden. Wer aber die Reise gut vorbereitet, kommt vielleicht etwas später am Urlaubsort an. Aber dafür garantiert entspannter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie schlägt so manchem schon vorher auf den Magen: die Fahrt an den Urlaubsort. Wen es mit dem Auto in die Ferne zieht, der muss sich auf bisweilen endlos erscheinende Stunden zwischen A und B einrichten. Vor allem mit Kindern können lange Fahrten zur echten Bewährungsprobe für den Familienfrieden werden. Um die Nerven von Nachwuchs und Eltern gleichermaßen zu schonen, empfiehlt sich eine rechtzeitige Vorsorge. Mit entsprechender Planung vor Antritt der Reise lässt sich so manche Krise auf der Straße locker umfahren.

Entscheidend ist nach Meinung von Erziehungsexperten, die Reise als Familie zu planen und die Kinder mit einzubinden. "Die gemeinsame Vorbereitung ist eigentlich das Wichtigste", sagt Wilfried Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrates. "Wenn die Kinder zum Beispiel mitentscheiden dürfen, an welchen Punkten der Reise eine Rast eingelegt werden könnte, wirkt sich das später sehr positiv auf die Harmonie im Auto aus."

Steinert, oberster Vertreter von mehr als 800.000 Klassenelternsprechern, hat als Vater von zwölf Kindern selbst Erfahrungen im Umgang mit jungen Reisenden: "Wir machen auf der Fahrt in den Urlaub zum Beispiel gerne mal Rast in einem Freibad oder einer Therme, danach sind die Jüngsten so müde, dass die nächste Etappe sehr ruhig verläuft."

Eigene Straßenkarte für die Fond-Fahrer

Neben einer kommunikativen Reiseplanung ist auch die Reisegestaltung entscheidend. So freuen sich Kinder, die bereits lesen und schreiben können, über eine eigene Straßenkarte. In der können sie anhand der Straßenschilder verfolgen, wo man ist und die bereits zurückgelegte Strecke mit bunten Stiften markieren oder kleine Bilder von markanten Dingen am Straßenrand malen.

Außerdem lenkt eine Beobachtung der Straße und der Landschaft den Blick und die Aufmerksamkeit aus dem Auto heraus - und beugt somit der Reiseübelkeit vor. Kinder, die sich ausschließlich auf Bücher und Malspiele konzentrieren, können die vorbeirauschenden Sinneseindrücke nicht verarbeiten und werden sich schnell zu Wort melden: "Mami, mir ist schlecht."

Um das zu umgehen, empfiehlt sich außerdem eine Magen schonende Reiseernährung: Keine schweren Speisen und lieber viele kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt essen. Obst- und Gemüseschnitze und leichte Kekse bieten sich an. Und natürlich sollten alle Passagiere viel trinken. Kleinkinder aber sollten nicht während der Fahrt gefüttert werden, da im ungünstigsten Fall schon ein scharfes Bremsmanöver zum Verschlucken oder zu Verletzungen durch die Flasche oder das Löffelchen führen kann.

Wird einem Kind dennoch schlecht und der nächste Parkplatz ist noch einige Kilometer entfernt, hilft es, wenn man den kleinen Patienten auf einen weit entfernten Punkt schauen lässt - am besten durch die Frontscheibe und nicht zur Seite. Wenn Anschnallgurte oder die Platzierung des Kindersitzes es zulassen, sollte ein Kind sowieso in der Mitte der Rücksitzbank reisen, um einen unverbauten Blick auf die Straße zu haben.

"MB" wie Megablödmann

Während der Fahrt kommt schnell Langeweile auf - daher müssen jüngere wie ältere Kinder gut beschäftigt werden. Einfache Spiele wie "Ich sehe was, was du nicht siehst" oder das Erraten von Städten anhand von Nummernschildern können für Unterhaltung sorgen. Auch lassen sich mit den mittleren Buchstaben auf Nummernschildern Worte bilden, "MB" zum Beispiel könnte Mandarinenbaum, Megablödmann oder Michael Ballack heißen.

Wenn sich Geschwister für Autos interessieren, bekommt ein Mitspieler etwa Mercedes zugeteilt und der zweite BMW: Wer in zehn Minuten mehr Autos zählt, hat gewonnen. Allerdings sollte man darauf achten, dies nicht im Großraum München oder Stuttgart zu spielen, weil dann jeweils eine Partei deutlich übervorteilt wäre...

Viele Eltern nehmen auch Walkman oder CD-Spieler mit, damit die Kinder in Ruhe ihren Lieblingshörspielen lauschen können. Wilfried Steinert vom Bundeselternrat allerdings rät davon ab: "Am besten hören alle mit. So kann man eine halbe Stunde das Hörspiel der Kinder, danach eine halbe Stunde eine Musik-CD der Eltern einlegen. Das schafft ein Miteinander und die Kinder werden unter ihren Kopfhörern nicht isoliert."

Mit Gelassenheit in die Ferien starten

Überhaupt ist "die Gelassenheit der Eltern die beste Voraussetzung für eine ruhige Reise", so Deutschlands oberster Elternvertreter. Wenn auf den Vordersitzen nicht gestritten werde, sei die Chance um ein Vielfaches höher, dass der Familienfrieden auch von Seiten der Rücksitzbank aus nicht allzu sehr auf die Probe gestellt wird. Von daher ist es ratsam, nicht am Abend des letzten Arbeitstages abgehetzt auf die Autobahn zu fahren, sondern den Urlaub nach Möglichkeit einen oder zwei Tage später und gut ausgeschlafen zu beginnen.

Wer trotz allem dennoch um den Familienfrieden fürchtet, kann natürlich auch eine ganz andere Möglichkeit ins Auge fassen: an den Urlaubsort zu fliegen. So kann zum Beispiel der Vater mit dem älteren Sohn im Wagen vorausfahren, während die Mutter und die jüngste Tochter im Billigflieger hinterherfliegen. Der einzige Nachteil: Nummernschild-Raten kommt an Bord nicht in Frage.