Autofarben-Trend Ganz in Weiß
Wuppertal/Leverkusen - Wenn es etwas gab, das Autokäufer in den vergangenen Jahren auf keinen Fall wollten, dann gehörte weißer Lack dazu. Weiß wurde bestenfalls auf einem Lieferwagen in der Basisausstattung akzeptiert. Lieber wurde etwas mehr Geld gezahlt, um gegen Aufpreis einen der beliebten Silbertöne auf dem Neuwagen schillern zu lassen.
Nun ist plötzlich alles anders: Wie aus dem Nichts tauchten weiß lackierte Karossen auf den großen Autoshows auf. Und auch auf den Straßen sind wieder verstärkt teure Neuwagen in strahlendem Weiß zu sehen. Was für Außenstehende überraschend wirkt, ist für die Fachleute jedoch ein längst erkannter Trend.
Wie düster es für Weiß in den vergangenen Jahren aussah, verdeutlichen die Zahlen: Den letzten großen Erfolg erlebte der helle Lack im Jahr 1987, als laut dem Kraftfahrt Bundesamt (KBA) in Flensburg 615.819 in Weiß lackierte Neuwagen auf die Straßen in Deutschland kamen. Danach ging es rapide bergab.
"Das ist eine Revolution"
Im Jahr 2000 zählte man noch 141.749 Neuzulassungen in Weiß, 2005 waren es 71.570. Und selbst in den ersten neun Monaten 2006 war kein Aufwind in Sicht - bis zum September trugen 37.378 Neuwagen die Farbe Weiß. Die Grau-Palette inklusive aller Silberschattierungen kam im gleichen Zeitraum auf 1.084.058 Neuzulassungen.
Doch dann stellten die Hersteller im Herbst speziell auf dem Pariser Automobilsalon viele Neuheiten mit weißen Lacken vor - und plötzlich scheinen die Käufer ihre Vorlieben zu verändern. "Weiß ist jetzt wieder sehr stark im Kommen", sagt der Automobilforscher Ferdinand Dudenhöffer vom Prognoseinstitut B&D Forecast in Leverkusen.
"Das ist im Grunde schon eine Revolution. Weiß war lange keine Lackfarbe mehr, die gewünscht wurde - jetzt entwickelt sie sich Stück für Stück zum Trend." Und dieser Trend beginnt oben: Während Weiß zuletzt eben bestenfalls noch für Billigmobile akzeptiert wurde, erfolgt der Neustart jetzt besonders bei exklusiven Modellen. Nicht von ungefähr stand kürzlich auch ein weißer Maybach im Messe-Scheinwerferlicht.
In den erschwinglicheren Preiskategorien ist Weiß aber ebenfalls schon zu finden - jedenfalls wenn dem Kunden der Sinn nach etwas Besonderem steht. "Speziell bei sportlichen Modellen wie einem S3 ist Weiß schon auf breiterer Front vertreten", erklärt Audi-Sprecher Udo Rügheimer in Ingolstadt. Bei anderen Modellen wie einem A3 Sportback oder dem TT-Coupé stellt man einen steigenden Wunsch nach dem weißen Lack fest.
Das Accessoire Auto
Gründe für die wechselnde Vorliebe gibt es laut Rügheimer mehrere: So ermöglicht Weiß in Verbindung mit Accessoires wie einem dunklen Glasdach einen interessanten Kontrast. Und dann ist da eben noch der Wunsch, sich abzuheben: "Weiß ist im Grunde eine verdammt bunte Farbe - weil sie sich von der Masse abhebt", so Rügheimer. Bei Audi hat die Farbe Weiß derzeit einen Anteil von etwas mehr als einem Prozent.
"Wir rechnen jedoch damit, dass Weiß nach Schwarz und Silber die drittwichtigste Lackfarbe auf dem Automarkt wird", kündigt Farb-Designer Mark Gutjahr vom Lackhersteller BASF Coatings in Wuppertal an. Wie bei so vielen Trends wird Weiß demnach eine Entwicklung von "oben" nach "unten" durchlaufen. Zunächst dürfte es verstärkt Luxusmobile und Sportmodelle zieren, bestätigt auch Gutjahr. Dann aber wird es sich in anderen Klassen ausbreiten.
Der Wandel hat sich laut Mark Gutjahr schon eine ganze Weile angekündigt - wenn auch nicht in der Autowelt. Vielmehr hätten Dinge wie der iPod von Apple den Weg bereitet, indem sie sich mit weißen Oberflächen weg von einer kalten und technischen Optik bewegten. "Insgesamt ist so eine Entwicklung aber noch sehr viel komplexer, auch Dinge wie Politik und Ökonomie spielen eine Rolle."
Dass es noch eine Weile bis zur ganz großen Weiß-Welle dauern wird, liegt jedoch nicht nur daran, dass der Geschmack des Käufers sich zögernd verändert. "Dabei geht es auch um die Händler", sagt Mark Gutjahr. Die sind bei der Bestellung von Vorführmodellen gern auf der sicheren Seite und stellen sich im Moment noch lieber ein silbernes Fahrzeug in die Schauräume.
Gold im Weiß
Wenn Weiß in Zukunft dann aber durchstartet, wird es mit dem Lack eines Kleintransporters nicht mehr viel zu tun haben. "Weiß wird es in verschiedenen Ausführungen geben, als Standard- ebenso wie als Sonderfarbe", kündigt Mark Gutjahr an. Hinter dem Begriff Sonderfarbe verbergen sich Effektlacke, die das neue Weiß zu etwas ganz Anderem machen sollen: Es erhält zum Beispiel zusätzliche Klarlackschichten mit Perleffekt oder einem leichten Goldschimmer.
Das Gold im Weiß ist außerdem ein Hinweis auf eine weitere Entwicklung in Sachen Autolack: "Was kommen wird, sind Lacke, die sich farblich nur noch schwer einordnen lassen." Denn ein Weiß mit Goldschimmer ist ebenso wenig eindeutig wie kommende Mischungen, die Silber mit schimmernden Abtönungen verbinden, so dass die Bleche je nach Form und Lichtbrechung anders glänzen. Danach bleibt dann nur noch die Frage, welche Lackfarbe als nächste ihr Comeback feiert. Möglicherweise ist ja mal wieder Rot an der Reihe, die absolute Trendfarbe der frühen achtziger Jahre.
Heiko Haupt, gms