Automarkt Frauen als Motor
Gelsenkirchen - Den jüngsten Beweis automobilen Nachholeifers liefert der schwedische Hersteller Volvo, der beim Genfer Automobilsalon die ausschließlich von Frauen entwickelte Designstudie "Your Concept Car" (YCC) ins Rampenlicht gestellt hat. "Entgegen mancher Erwartung ist dabei allerdings kein pinker Kombi mit zahlreichen Kindersitzen, sondern ein sehr sportlicher und dennoch praktischer Zweitürer entstanden", sagte Volvo-Chef Hans-Olov Olsson.
Technologie und Ausstattung des Prototypen kommen dem weiblichen Nutzungsverhalten entgegen. In der großen Mittelkonsole ist reichlich Stauraum. Die wie Kinosessel bequem wegklappbaren Rücksitze schaffen Platz für Einkaufstüten aus Boutiquen und Baumärkten. Leicht erreichbare Nachfüllstutzen und ein wartungsfreies Werkstattkonzept dürften ebenfalls beiderlei Geschlecht entgegenkommen.
Was Volvo mit dem YCC im Großen vormacht und in einigen Details nach Angaben des Unternehmen auch für künftige Serienmodelle übernehmen will, hat Alfa Romeo schon am Markt realisiert: Zurzeit verkaufen die Italiener nach Angaben ihrer Frankfurter Presseabteilung den Alfa 147 auch als Sondermodell Shape, das bei einem Wettbewerb von Frauen für Frauen gestaltet wurde. Allerdings beschränkte sich der Einfluss hier weitgehend auf optische Merkmale wie Farben, Muster und Materialien.
Hinter den Kulissen haben Frauen jedoch die Männerdomäne der Autoentwicklung längst unterwandert. Dabei machen zahlreiche Beispiele deutlich, dass sie nicht nur für Farben und Formen zuständig sind. Mit Kompetenz und Kreativität haben sich Expertinnen in der Materialwissenschaft, der Qualitätssicherung und im Bereich technischer Projektleitung etabliert, wie Audi-Sprecher Udo Rügheimer in Ingolstadt sagt.
Den Entwicklungen des Marktes Rechnung tragen
Volvo YCC: Der kleine Unterschied
Bei Opel in Rüsselsheim gilt die Entwicklungsingenieurin Rita Forst als Mutter einer ganzen Motorengeneration und sie ist die Geschäftsführerin der deutschen Powertrain-Abteilung. In Italien ist man stolz auf eine prominente Testfahrerin bei Alfa Romeo. Die sei ihren männlichen Kollegen meist eine Nasenlänge voraus, heißt es. Laut f1-welt soll auch das britische Jaguar-Team einer Frau ein Angebot als Testfahrerin gemacht haben. Die 30-jährige Sarah Kavanagh soll in Zukunft für Jaguar fahren und zudem in ein Cockpit in der Formel-3 bekommen.
Mit der Orientierung an den Wünschen von Frauen tragen die Hersteller einer deutlichen Entwicklung des Marktes Rechnung. "Frauen sind als Zielgruppe für die Autohersteller nicht mehr wegzudenken", sagt Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen. Während 1976 nur 14 Prozent aller Pkw-Besitzer Frauen waren, liege der Anteil heute bei knapp 60 Prozent, sagt Dudenhöffer. Singlehaushalte und die wachsende Zahl der Zweit- und Drittwagen trage einiges zum steigenden Käuferinnen-Anteil bei.
Selbst in den Fällen, in denen Frauen nicht selber als Käufer auftreten, haben sie großen Einfluss beim Autokauf des Partners, haben Studien der Audi-Marketingabteilung ergeben. Generell haben Frauen und Männer nach den Beobachtungen Ferdinand Dudenhöffers durchaus unterschiedliche Prioritäten beim Autokauf. So achten Männer vorzugsweise auf Leistung und Technik, während bei Frauen Sicherheit und Design ganz oben auf dem Anforderungsprofil stehen. Selbstverständlich achte man bei der Entwicklung der Fahrzeuge auf die Bedürfnisse aller Kunden, betont Rügheimer. Nur Chauvinisten hielten etwa Parksensoren für ein rein feminines Thema: "Wer als Mann ehrlich zu sich selbst ist, der hat selbst schon oft genug von den Ultraschall-Sensoren an der Stoßstange profitiert."
Dennoch wird es laut Dudenhöffer nicht das typische "Frauen-Auto" geben. Und falls doch, räumen die Experten aus den Marketingabteilungen der Autohersteller einem solchen Modell nur geringe Erfolgschancen ein. Denn Frauen fühlten von "Frauen-Autos" nicht angezogen, sondern im Gegenteil beinahe diskriminiert. Wenn es nach der Philosophie der Entwicklerinnen von Volvo geht, ist auch das kein Widerspruch. Denn sie sehen Frauen einfach als die anspruchsvollere Kundschaft: "Wenn man deren Erwartungen erfüllt, hat man die der Männer oft sogar schon übertroffen."
Von Thomas Geiger, gms