Automarkt Großbritannien Ganz schön eigensinnig
Automobilmarkt-Forscher Ferdinand Dudenhöffer hat keine Zweifel: In England ticken die Uhren der Branche anders. Zwar haben die Briten die eigene Autoindustrie längst abgewirtschaftet und verkauft, doch ihren Eigensinn haben sie bewahrt. "Über dem Kanal ist dichter Nebel, der Kontinent ist isoliert." Mit diesem Spruch aus der Geschichte fasst Dudenhöffer die Befindlichkeit eines Automarktes zusammen, in dem man nicht nur auf der "falschen" Straßenseite fährt.
"Die Zulassungsstatistik sieht im Vereinigten Königreich ganz anders aus als bei in Deutschland", sagt Dudenhöffer. Im vergangenen Jahr wurden knapp 2,4 Millionen Neuzulassungen in Großbritannien registriert - damit liegen die Briten ungefähr gleich auf mit den Italienern auf dem zweiten Rang in Europa.
Doch die absolute Zahl sagt nicht viel aus. Denn anders als Märkte mit starken eigenen Herstellern wie Deutschland, Italien oder Frankreich ist England nach dem Niedergang von Rover und MG und dem Verkauf von Unternehmen wie Rolls-Royce, Bentley, Jaguar, Land Rover oder Aston Martin heute "ein Autoland mit ziemlich ausgeglichenen Markenloyalitäten", erklärt Debbie Fox, die das Londoner Büro des Marktbeobachtungs-Unternehmens Jato Dynamics leitet. "Bis auf Ford und den Opel-Ableger Vauxhall natürlich, die hierzulande wegen der lokalen Produktion als 'heimische Marken' empfunden und gekauft werden, so wie etwa VW oder Audi in Deutschland."
Wie sieht nun die Zulassungsstatistik aus? Jato führte für 2007 den Ford Focus (118.267 Exemplare) an erster Stelle, vor dem Vauxhall Astra (113.894) und dem Ford Fiesta (102.872). Es folgen Vauxhall Corsa, VW Golf, Peugeot 207, BMW 3er, Renault Clio, sowie Vauxhall Vectra und Zafira. In der Markenwertung der Jato-Tabelle für 2007 führt Ford mit 348.982 Neuanmeldungen oder 14,5 Prozent Marktanteil vor Vauxhall (13,8 Prozent), Volkswagen (8,2 Prozent), Peugeot (6,1 Prozent) und Renault (5,3 Prozent). In den ersten fünf Monaten dieses Jahres sieht es kaum anders aus. "Auch die japanischen Marken sind gut vertreten, da fast alle in England auch produzieren", sagt Debbie Fox und verweist auf den achten Platz von Toyota und den neunten von Honda.
Farewell, traditionsreiche Autoindustrie
Obwohl es bis auf Firmen wie London Taxi International oder Caterham keine britischen Autohersteller mehr gibt, laufen die Montagebänder auf Hochtouren. Nicht nur die an ausländische Konzerne verkauften Marken produzieren weiter im Königreich, sondern auch Honda, Nissan und Toyota haben in England Fabriken. Im vergangenen Jahr, das hat die Analysefirma Global Insight errechnet, wurden in Großbritannien insgesamt 1,53 Millionen Pkw produziert.
"Ob wir den britischen Marken nachtrauen? Ich glaube, auch als stolzes Volk haben wir uns beim Auto mit den weltwirtschaftlichen Eigentumsverhältnissen längst abgefunden", sagt Jato-Analystin Fox. Außerdem halten die Briten ihren Modellen auch unter fremder Flagge die Treue und haben 2007 immerhin jeweils fast 50.000 Mini und Land Rover, 20.000 Jaguar, jeweils gut 2000 Bentley und Aston Martin sowie fast 200 Rolls-Royce gekauft.
Deutsche Marken sind das Maß der Dinge
Obwohl der Durchschnittspreis für Neuwagen zuletzt mit umgerechnet 21.958 Euro fast 5000 Euro unter dem deutschen Mittelwert gelegen hat, gilt England sehr zur Freude deutscher Nobelmarken als Premium-Markt. "Nach wie vor sind in vielen unserer Segmente die deutschen Autos das Maß der Dinge", erklärt Fox. "Aber Hersteller wie Saab oder Lexus stehen hierzulande nicht so sehr im Schatten und schaffen locker das Drei- oder Vierfache der Zulassungen in Deutschland."
Die Diskussion um Schadstoffausstoß und Verbrauch gibt es auch im Königreich - nicht nur, weil London die dicken Geländewagen bekämpft. Seit die Briten die Kfz-Steuer am CO2-Ausstoß orientieren, werden verstärkt Diesel-Pkw gekauft. Debbie Fox lobt die CO2-Regelung als "eigentlich ganz vernünftige Besteuerungsgrundlage" Doch nun folge für viele ein böses Erwachen. "Denn obwohl Diesel in Großbritannien stets geringfügig teurer als Superbenzin war, ist die Preisschere in den letzten Monaten weit aufgegangen und ein Liter Diesel kostet jetzt umgerechnet 1,65 Euro."
Autos in Großbritannien mit besseren CO2-Werten
Generell sind die Autos in Großbritannien sauberer als jene in Deutschland. Derdurchschnittlicher CO2-Ausstoß liegt bei 164,15 Gramm pro Kilometer (Deutschland: 168,91 g/km). Das dürfte auch am höheren Anteil von Hybrid- und Elektroautos liegen, die insbesondere in London sehr populär sind, weil man so die City-Maut umfährt.
Über alle Umweltfragen hinweg bleibt den Briten die Sonderstellung als Linksfahrer und Rechtslenker. Das bedeutet nicht selten Wartezeiten oder völligen Verzicht. Denn viele Autos kommen auf der Insel deutlich später zum Händler. Und Nischenmodelle wie den Mercedes GLK werden erst einmal gar nicht importiert, weil sich die Umrüstung nicht rechnet.
Zum Ausgleich gibt es einige interessante Rechtslenkermodelle asiatischer Herkunft in Großbritannien, die erst viel später oder gar nicht als Linkslenker produziert wurden: Daihatsu Copen, Proton Perodua, Mitsubishi i oder die Nissan-Modelle Figaro, Be-1 und S-Cargo. Ganz zu schweigen vom Nissan Skyline/GT-R. Schlusswort Debbie Fox: "Man sieht, wir sind eigentlich gar nicht im Nachteil auf unserer etwas eigensinnigen Insel."