Automarkt: Klein, fein, teuer
Automarkt Kleine Autos, großer Reibach
Kleinwagen gleich Billigauto - diese Schlussfolgerung stimmt längst nicht mehr. Wer heute in Deutschland einen fabrikneuen Kleinwagen kauft, so ergab eine Studie des Centers Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, bezahlt im Durchschnitt 14.126 Euro. Damit sind Kleinwagen in den vergangenen fünf Jahren um rund sieben Prozent teurer geworden, was jedoch nicht weiter aufregend wäre, denn die Inflationsrate während dieses Zeitraums lag sogar noch etwas höher.
Bemerkenswert ist vielmehr, dass sich dieser rechnerische Durchschnittspreis aus den Basispreisen aller Kleinwagen zusammensetzt - doch kaum ein Auto in dieser Klasse wird heute noch mit spartanischer Grundausstattung geordert. Das bedeutet, dass die tatsächlich von den Kunden gekauften Autos weitaus mehr Geld kosten. Denn auch im Segment der kleinen Fahrzeuge hinterlässt das unablässige Marketing der Automobilhersteller Wirkung: die Autos müssen kräftig motorisiert, üppig ausgestattet sein - und vor allem darf die individuelle Note nicht fehlen.
Die BMW-Kleinwagenmarke Mini zum Beispiel offeriert auf 22 Seiten der offiziellen Preisliste Extras für das zum Kultmobil hochstilisierte Auto, das schon in der billigsten Variante 15.550 Euro kostet. Wer etwas auf sich hält, bestellt das Wägelchen mit Metallic-Lackierung (plus 450 Euro), mit weißen Streifen auf der Motorhaube (plus 110 Euro), mit Heckspoiler (180 Euro) oder feinen Leichtmetallrädern (plus 2030 Euro). Auffällig ist, das zahlreiche Details gar keine technische Funktion mehr erfüllen, sondern allein einen möglichst eigenwilligen Auftritt des Autos sicherstellen sollen. Das Auto fungiert nach wie vor als soziales Distinktionsmerkmal - nur eben ein paar Nummern kleiner und damit etwas subtiler.
Das Basismodell zum Grundpreis wird praktisch nie gekauft
"Früher gab es eine Art Quersubventionierung, weil die Hersteller an den großen Modellen ordentlich verdienten und so die kleinen Autos vergleichsweise billig anbieten konnten", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. "Das aber funktioniert heute nicht mehr, weil in den großen Klassen die Margen kleiner werden und damit auch Kleinwagen Geld in die Kasse bringen müssen." Das funktioniere vor allem über die Ausstattung. "Der Grundpreis ist lediglich ein Signalpreis, mit dem geworben wird. Der tatsächliche Preis, zu dem der Kunde dann kauft, liegt in der Regel deutlich höher", sagt Bratzel.
Schon bei der Farbwahl geht es los, denn viele Autos werden nur in weißem Uni-Lack zum Basispreis angeboten. Beim VW Polo (Grundpreis 12.450 Euro) kostet eine rote Lackierung 135 Euro Aufpreis, für die Farben schwarz oder orange werden je 235 Euro extra fällig und Metalliclack kostet 450 Euro. Wer eine Klimaanlage wünscht, muss 940 Euro zuzahlen, und auch Selbstverständlichkeiten wie ein Reserverad (plus 62 Euro) oder Kleinigkeiten wie ein Zigarettenanzünder (plus 20 Euro) rechnen die Wolfsburger gesondert ab.
Die bisweilen dreiste Preispolitik ist industrieweit verbreitet. Wer einen Toyota Yaris (Grundpreis 11.675 Euro) kauft, könnte zum Beispiel in Versuchung geraten, eine verchromte Auspuffblende (plus 62 Euro), zwei Aluminium-Einstiegsleisten (plus 68 Euro) oder das gerade modische LED-Tagfahrlicht (plus 279 Euro) gleich mitzubestellen. So läppern sich die Einzelposten schließlich zu Summen zusammen, für die man auch ein Auto der nächst höheren Fahrzeugklasse bekommen würde - allerdings auch da wieder nur das Basismodell, das zur Preiskosmetik in der Werbung dient.
Autokäufer können vielen Extras nur schwer widerstehen
"Eine Fülle von brauchbaren und attraktiven Werksoptionen ist wichtig, denn darin liegt für den Hersteller die wesentliche Margenrettung. Auch wenn der Kunde den Zielpreis für den Wagen recht niedrig ansetzt, kann er der Anziehungskraft einer Sonderausstattungsliste erfahrungsgemäß selten widerstehen", sagt Nick Margetts, Deutschland-Geschäftsführer des Automobilmarkt-Beobachters Jato Dynamics.
Oft haben die Autokäufer allerdings auch gar keine andere Wahl, wenn sie das Auto ihrer Begierde nach ein paar Jahren auch wieder verkaufen wollen. Denn ohne bestimmt Essentials geht in vielen Fällen gar nichts mehr. "Ein Wagen in Grundausstattung geht in der Regel nur mit deutlichen Preisabschlägen vom Hof", sagt ein Berliner Markenhändler, der aus Rücksicht auf seinen Lieferanten nicht genannt werden will. "Deshalb nehmen wir selbst solche Autos auch nur ungern in Zahlung".
Für Kunden, die sich weder zu Chromzierleisten, bunten Außenspiegelkappen oder Ledersitzbezügen hingezogen fühlen, und die sich diesem Druck entziehen wollen, hat sich parallel zum Luxus-Kleinwagenmarkt eine ganz simple Alternative entwickelt: wirklich einfache Billigautos, die allerdings meist auch technisch nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit sind. Hier gibt es Neuwagen zum einem Preis, der anderswo allein für Sonderausstattungen hingeblättert wird. Die Renault-Tochter Dacia brachte den Stein vor ein paar Jahren ins Rollen - und sie fährt ausgesprochen gut damit. Der Sandero kostet lediglich 6999 Euro.