Automesse AMI Leipziger Einerlei
532.000 Pkw - diese Zahl muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen. Mehr als eine halbe Million Deutsche haben im Februar 2009 ein neues Auto gekauft - nach einem ähnlichen Zulassungsergebnis muss man in der Statistik-Historie des Kraftfahrtbundesamtes lange suchen. Die gesamte Autobranche weiß, dass dieses Stimmungshoch vor allem der Abwrackprämie zu verdanken ist, die gerade bis zum Jahresende verlängert wurde. Insofern sollte eigentlich eitel Sonnenschein bei den Autobauern herrschen. "Jetzt erst echt", sagt Volker Lange, der Präsident des Verbandes Internationaler Kraftfahrzeughersteller (VDIK). Er wertet das Steuergeldgeschenk aus Berlin als positives Auftaktsignal für die Messe Automobil International (AMI), die ab Samstag in Leipzig für eine Woche die Türen öffnet.
Langes Optimismus ist noch nicht bis zu allen Ausstellern durchgedrungen. Zwar meldet fast jeder Rekordergebnisse - Opel etwa legt mit 120.000 Zulassungen das beste erste Quartal seit zehn Jahren hin, Fiat verkauft derzeit in Deutschland mehr Autos als in Italien, und Hyundai hat seinen Marktanteil mehr als verdoppelt. Doch geben sich die Verantwortlichen weiterhin besorgt. Das ist berechtigt: Denn keiner weiß, wie es am Tag eins nach der großzügigen Staatsunterstützung für Neuwagenkäufer weitergehen wird. Nur mit staatlichem Geld werde man den Markt nicht aufrechterhalten können, sagt Ford-Chef Bernd Mattes. Dafür brauche man auch überzeugende Produkte.
Das haben, das lässt sich nach einem Rundgang auf der AMI feststellen, nicht alle Hersteller begriffen. Auch wenn der Leipziger Frühjahrsgipfel schon bislang nicht die große Auto-Show war - in diesem Jahr hat die AMI weiter an Strahlkraft verloren. Krisenkandidaten wie Mitsubishi, Saab oder Volvo fehlen in den Hallen ganz; und auch große Unternehmen wie Fiat mit den Schwestermarken Alfa und Lancia haben ihren Auftritt abgeblasen.
Am meisten schmerzt die Veranstalter die Absage von BMW - schließlich haben die Bayern in der Sachsenmetropole ein Werk und bauen dort neben 3er und 1er bald auch den Geländewagen X1. Porsche, in Leipzig ebenfalls mit einem Werk verwurzelt, macht es da besser: Zwar gibt es den neuen Viertürer Panamera erst in vier Wochen auf der Shanghai-Motorshow zu sehen, aber immerhin ist die Marke mit einem riesigen Stand vertreten.
In Leipzig sind die Autos so luftig aufgestellt wie sonst bei keiner anderen Messe, und viele Museumsautos und Showcars füllen die Lücken. Audi rückt sogar ein Dutzend Gebrauchtwagen ins Rampenlicht. Insgesamt wirkt das alles recht fad. In jeder der vier Hallen sind weite Teile mit schwarzen Vorhängen und meterhohen Stellwänden abgeteilt. Als müssten die Aussteller ein strenges Nachbarschaftsrecht einhalten, wahren sie meterweiten Abstand zueinander. In Leipzig ist Platz für riesige Freiflächen, Bier- und Kaffeegärten in den Hallen und Wandelgänge breit wie Autobahnen.
Viele Autos sind erstmals in Deutschland zu sehen
Man dürfe von der dünnen Neuheiten-Quote und den leeren Gängen am Pressetag nicht auf ein nachlassendes Publikumsinteresse schließen, sagen Veranstalter und Besucher. "Die AMI ist keine Messe für Medien, sondern für die Menschen", sagt einer, der bislang jede der 19 AMI-Ausstellungen besucht hat und von proppevollen Hallen an den Publikumstagen berichtet. Messechef Wolfgang Marzin kann da nur beipflichten: "Zwar macht die Konjunktur um die Messe keinen Bogen. Aber es gibt keine Alternative, um Hunderte von neuen Autos zu sehen."
Immerhin mehr als 60 Deutschland- und Europapremieren gibt es in Leipzig. Und neun Weltneuheiten kann Marzin auch ankündigen. Allerdings muss man die im Leipziger Einerlei suchen: Hier eine Designedition des Porsche Cayenne, da eine Flüssiggas-Umrüstung für den Ford Mondeo und dort die offene Version des beim Autosalon in Genf noch als Coupé gezeigten Audi TT RS. Auch die neue Mercedes E-Klasse wird erstmals gezeigt - als Taxi.
VW enthüllt den stärksten Diesel-Golf
Etwas höheren Neuigkeitswert hat der neuen Golf GTD, der kurz nach dem Debüt des GTI-Modells die Gegensätze Spurten und Sparen vereinen will. Ein Vierzylindermotor mit 170 PS und 350 Nm, eine Höchstgeschwindigkeit von 222 km/h und ein Verbrauch von 5,3 Litern machen ihn zum Geizkragen unter den Sprintern. Eine Tankfüllung reicht beinahe tausend Kilometer weit. Ach ja, und dann gibt bei Peugeot noch eine Weltpremiere als Deja-Vu-Erlebnis: Denn das Modell 206+, den die Franzosen passend zum Run auf billige Kleinwagen als Neuerscheinung feiern, haben sie - mit leicht veränderten Frontpartie und anderen Motoren - vor rund zehn Jahren schon einmal enthüllt.
Natürlich könnten sich die verbliebenen Aussteller angesichts der fehlenden Konkurrenten die Hände reiben. Schließlich bleibt so mehr Aufmerksamkeit für die eigenen Produkte.
Doch von Schadenfreude ist in Leipzig keine Spur. "Vielfalt zieht", sagt Ford-Chef Bernd Mattes und blickt traurig in die noch halbleere Halle 5. "Je mehr es zu sehen gibt, desto mehr Besucher kommen." Dass tatsächlich so viele Hersteller abgesagt haben, stößt beim Fähnlein der Tapferen auf Unverständnis. Subaru-Chef und VDIK-Präsidiumsmitglied Jens Becker hält das bei allem Sparzwang für das falsche Signal: Ein Hersteller, der mit neuen Autos nicht auf die Messe gehe, sei wie ein Händler, der morgens das Licht nicht einschalte und die Türen nicht aufschließe.