Autosalon Genf: Zwei Autos gegen den Verkehrsinfarkt
Autosalon Genf 2012 Nichts fährt mehr
Wie es mit dem Autofahren besser nicht weitergehen sollte, kann man in Genf am besten auf dem Weg zur Messe beobachten. Genf ist nicht Peking, London oder New York, keine Millionenmetropole also, und trotzdem ist Autofahren hier eine Zumutung. Zäh schiebt sich der Verkehr voran, die grüne Welle gilt hier wohl als Naturphänomen, für eine vergleichweise kurze Strecke von 18 Kilometern von außerhalb Genfs zum Messezentrum braucht man eine gefühlte Ewigkeit.
Während man so im Stau steht, und die anderen laut und stinkend an einem vorbeibrausen, wenn sie gerade mal grün haben, fragt man sich zwangsläufig: Warum tue ich mir das an? Sollte ich nicht besser auf einen Motorroller umsteigen? Oder in den Bus, denn der hat wenigstens eine eigene Spur und freie Fahrt. Oder meinetwegen auch auf das Fahrrad. Alles, nur nicht das hier.
Wie wird das weitergehen? Wo soll das enden, wenn in Zukunft noch mehr Menschen Auto fahren? Mit diesen Fragen im Kopf begibt man sich auf den Autosalon, in der Hoffnung, Antworten zu erhalten.
Dort bekommt man Autos präsentiert, die vielfach brillante technische Detaillösungen bieten, von denen manche schön anzusehen sind und in denen man sich als Fahrer, weil man von ihnen mit einem Haufen Extras umworben wird, bestimmt auch sehr wohl fühlt. Nur auf die zentrale Frage, wie das Fahren an sich in Zukunft noch angenehm sein kann, geben sie keine Antwort.
Zwei Autos, zwei Antworten
Sicher, dieses Jahr steht der Autosalon offensichtlich mehr denn je im Zeichen des Pragmatismus. Visionen sind nicht gefragt. Stattdessen sind Autos, die es schon bald zu kaufen gibt, die Stars der Messe. Und ja, die meisten dieser Stars sind keine ausladenden Luxuslimousinen oder überzüchteten Sportwagen, sondern vergleichsweise vernünftige Autos wie die neue A-Klasse, der neue Volvo V 40 oder der neue Audi A3.
Und doch bekommt man draußen, auf den Straßen von Genf, eine Ahnung davon, dass ein bisschen Vernunft allein nicht reichen wird, um Autofahren dauerhaft attraktiv zu halten. Drinnen, auf der Messe, gibt es nur zwei neue Fahrzeuge, die den unbedingten Willen erkennen lassen, in punkto intelligente Raumnutzung und Emissionsfreiheit zukunftsfähig zu sein.
Das eine ist die Toyota-Studie FT-BH. Von außen betrachtet wirkt sie wie ein extrem visionäres Konzept, eine von den Studien, die danach auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung verschwinden. Der Clou ist: Unter dem futuristischen Blechkleid steckt weitestgehend bereits verfügbare Hybrid-Technik, wie sie zum Beispiel im neuen Kleinwagen Yaris Hybrid schon verbaut wird.
Mission: Radikalkur
Das besondere an Toyotas Zukunftsvision ist die dramatische Gewichtsreduktion, die die Ingenieure erreicht haben. Durch den Einsatz von Aluminium und Magnesium bei der Karosserie zum Beispiel, oder durch eine konsequente Verschlankung des Interieurs, bei dem die dünnen Sitze beispielsweise auf leichten Aluminiumkonsolen verankert sind. Insgesamt drücken diese Maßnahmen das Gesamtgewicht des Fahrzeugs auf unter 800 Kilogramm - ein Wert, den sonst höchstens puristische Sportwagen wie die Lotus Elise erreichen.
Der Sinn und Zweck dieser Radikaldiät wird deutlich, wenn man im Datenblatt die Verbrauchswerte gefunden hat. Dank seines Zweizylindermotors mit gerade mal einem Liter Hubraum konsumiert der Toyota FT-BH nur 2,1 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Die Plug-In-Hybrid-Variante kommt sogar nur mit 0,8 Litern aus - bei einem CO2-Ausstoß von 49 Gramm pro Kilometer. Außerdem ist der Wagen für ein Fahrzeug mit vier vollwertigen Sitzen erstaunlich kompakt.
Der zweite First-Mover in Sachen radikalen Verzichts ist der Renault Twizy. Man mag beim Anblick dieses eigentümlichen Gefährts kaum von "Auto" sprechen, denn der Twizy ist in Wahrheit ja nicht mehr als ein Roller mit einem Dach und vier Rädern - und einem Elektromotor.
Ritt im Nacktmobil
Im Reigen der ganzen edlen, blinkenden und opulent ausgestatteten Limousinen, die einen sonst so auf dem Autosalon anstrahlen, wirkt der Wagen wie ein Witz. Erst wenn man sich an die Stunden im Stau auf dem Weg zur Messe erinnert, dreht sich das Verhältnis um. Denn man fährt ja oft allein - wozu also drei überflüssige Sitzplätze durch die Gegend chauffieren und anderen Autos den Platz auf der Straße wegnehmen?
Für die meisten Fahrten im Großstadteinsatz ist der Twizy vermutlich mehr als ausreichend. Ob es sinnvoll ist, ihn nur mit Dach, aber ohne Fenster auszuliefern, bleibt abzuwarten. Die Türen schwingen zwar aufmerksamkeitsstark wie beim Lamborghini nach oben, haben aber keine Scheibe, die man bei schlechtem Wetter hochkurbeln kann.
Zugegeben: Eine Fahrt in einer gut ausgestatteten Mittelklasselimousine ist deutlich verlockender als der Ritt in diesem Nacktmobil. Andererseits ist auch klar, dass wir uns wohl in absehbarer Zeit freuen dürfen, wenn wir überhaupt noch individuell mobil sind. Wenn man sich so umguckt auf den Ständen in Genf, wünscht man sich, die Branche würde nicht in dekorierten Messehallen feiern, abgeschottet von der Wirklichkeit. Es wäre schön, wenn nicht nur tolle Autos gezeigt würden, sondern auch Konzepte und Visionen, die ein Fahren damit auch ermöglichen.
Sicher, in den Labors der Unternehmen wird mit Hochdruck an Dingen wie Car-to-Car-Communication geforscht, die einen besseren Verkehrsfluss ermöglichen soll. Oder an einer intelligenten, vernetzten Verkehrsinfrastruktur. Oder an alternativen Antriebskonzepten, die die Emissionen noch weiter senken. Nur zu sehen war davon in Genf so wenig. Denn was nützen am Ende all die schönen Autos, wenn es im Alltag keinen Spaß mehr macht, damit zu fahren.