Benzingespräch mit Markus Wasmeier: "Das ist dann Kampfsport" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Benzingespräch mit Markus Wasmeier "Das ist dann Kampfsport"

Wie fährt der beste deutsche Skiläufer aller Zeiten eigentlich Auto? Und welche (Autobahn-) Abfahrt liegt ihm besonders? Im Gespräch erzählt der Doppelolympiasieger von Lillehammer und wagemutige ARD-Kamera-Pistentester, warum ihn bei voller Fahrt niemand ablenken sollte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Wasmeier, was ist Ihre liebste Autobahnabfahrt?

Wasmeier: Das ist die Ausfahrt Weyarn, wenn ich von der Autobahn abfahre Richtung Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie den Blinker rechts setzen und das Reisetempo drosseln, kommen dann Heimatgefühle auf?

Wasmeier: Ja, schon. Natürlich hängt es auch davon ab, wie lange ich nun von zu Hause weg gewesen bin. Wenn ich etwa zu einem Rennen weit entfernt als Fernsehexperte war, dann freue ich mich mehr, als wenn's nur ein Termin in München war. Allerdings ist es jedes Mal ein tolles Gefühl, wenn ich aus München wieder herausfahren darf. Ich bin kein Großstadtkind, und wenn ich in Weyarn abfahre, dann liegt eine schöne Strecke vor mir. So kurz vor Holzkirchen sehe ich meinen Hausberg, wo ich direkt unten am Fuß wohne. Ein paar Kilometer lang habe ich den Berg direkt vor Augen, und dann weiß ich, gleich bist du zu Hause, das ist traumhaft.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein Mensch, der schnell Heimweh bekommt? Während Ihrer aktiven Karriere waren Sie ja ständig unterwegs.

Wasmeier: Na, eigentlich nicht. Heimweh hab' ich nur einmal in Norddeutschland gehabt, wo ich drei Monate ohne Berge war. Das war damals zur Bundeswehrzeit, 1983, in Warendorf. Wenn ich sonst längere Zeit von zu Hause weg war, hatte ich ja dank meines Sports immer die Berge dabei, und die Berge geben mir ein Gefühl von Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie jemand, der gerne längere Strecken mit dem Auto fährt?

Wasmeier: Ich muss gezwungenerweise auch mal acht Stunden an einem Stück durchziehen, wenn ich zum Beispiel zu einem Rennen nach Frankreich fahre. Längere Strecken fahre ich überhaupt fast nur im Winter, das bringt mein Beruf mit sich, und da hat man natürlich oft mal Straßenverhältnisse, die nicht ganz leicht sind. Aber ich bin mit meinem Audi Quattro so gut ausgestattet, dass ich mir keine großen Sorgen machen muss. Da machen mir Passstraßen bei Schnee eher noch Spaß, da kann ich mein Auto schön ausfahren und die anderen belächeln, die dort herumstoppern.

SPIEGEL ONLINE: Wird's nicht etwas eng, wenn Sie mit der Familie zum Skilaufen fahren? Immerhin haben Sie drei Jungs.

Wasmeier: Dann wird's schon a bisserl eng, das stimmt. Dafür haben wir eine Dachbox, in die die ganze Ausrüstung gestopft wird.

SPIEGEL ONLINE: Als Ski-Rennfahrer ging es ja immer darum, sich für zwei, drei Minuten Fahrt zu konzentrieren. Können Sie sich heute für eine Acht-Stunden-Fahrt im Auto genauso gut konzentrieren?

Wasmeier: Überhaupt kein Problem. Das schlimmste ist für mich, wenn zu viel geratscht wird. Wenn ich mich unterhalten soll. Man ist ja doch zügiger unterwegs, um das mal so zu sagen, und ich bin kein Träumer auf der Straße. Ich bin dann so konzentriert wie auf der Skipiste. Wenn ich mich aber unterhalte und abgelenkt bin, dann fahre ich auch dort zügig, wo man es vielleicht gar nicht darf und werde garantiert geblitzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie sich fit am Steuer?

Wasmeier: Durch die Konzentration werde ich gar nicht müde. Außerdem trinke ich sehr viel beim Fahren. Ich habe immer meine Wasserflasche dabei. Und bei Tankpausen dehne ich mich. Nach dem Autofahren gehe ich meistens joggen. Langsames Laufen, auch wenn's abends um elf ist. Das brauche ich einfach noch, eine halbe Stunde Bewegung. Dann kann ich ruhig schlafen.

SPIEGEL ONLINE: Achten Sie beim Autofahren auf die Zwischenzeiten? Wie lange Sie für die zurückliegenden 100 Kilometer gebraucht haben?

Wasmeier: Nein. Im Gegenteil, ich schaue nur auf den Tacho, wenn eine Geschwindigkeitsbeschränkung kommt. Sonst schaue ich nur auf die Straße und lasse mich überhaupt nicht ablenken. Ich brauch auch keine Musik oder Radio, das lenkt mich alles nur ab.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie zu den Einsätzen als ARD-Experte fahren, haben Sie dann immer Ihre eigenen Ski dabei? Für die berühmten Kameraabfahrten kurz vor Rennbeginn?

Wasmeier: Freilich, immer. Ich habe oft vier, fünf Paar Ski dabei und noch ein Mountainbike, mein Auto muss immer auch für den Transport geeignet sein. Die Abfahrten mit der Kamera mache ich nur mit eigenen Ski.

SPIEGEL ONLINE: Schauen Sie sich den Film von so einer Kamerafahrt dann schnell noch an, bevor er auf Sendung geht?

Wasmeier: Ich schau es mir schon an, allerdings nur rückwärts. Unmittelbar wenn ich unten abbremse, muss ich diese Kassette zurückspulen, und beim Zurückspulen sehe ich im Schnelllauf, ob's was geworden ist. Es hat auch schon Fälle gegeben, wo mir bei der Abfahrt durch die Schläge das Band vom Aufnahmekopf weggesprungen ist und dann war nichts drauf.

SPIEGEL ONLINE: Dann mussten Sie noch mal runter?

Wasmeier: Nein, dafür ist gar keine Zeit. Wenn die Kassette zurückgespult ist, gebe ich sie einem Fernseh-Mitarbeiter in die Hand, die kommt sofort in den Rekorder und geht direkt auf Sendung. Da habe ich teilweise nur zehn Sekunden Zeit, das ist quasi live. Man kann nicht schneiden und nichts verändern. Wenn ich Scheiß baue, dann wird das halt so gesendet.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie dann manchmal, wenn Sie sich da runterheizen sehen, 'Mann, eigentlich hab' ich schon einen seltsamen Beruf'?

Wasmeier: Aber ganz im Gegenteil, da denkt man eher 'Was für eine geile Fahrt', wie man heutzutage so schön sagt. Mit der Nummer eins da runterzufahren, auch wenn's mit der Kamera ist, du hast eine abgesperrte Piste, irres Wetter, schöne Sprünge, bist schnell unterwegs gewesen, 120 km/h, ach, das macht einfach Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Die letzten Sekunden vor der Abfahrt, was geht da einem Rennläufer durch den Kopf? Wie war das zum Beispiel damals in Lillehammer, als Sie Doppelgold gewannen?

Wasmeier: Das war irre. Gerade, wo Sie jetzt Lillehammer ansprechen. Ich bin vier Jahre nach den Olympischen Spielen erstmals wieder dort gewesen und musste feststellen, dass ich überhaupt nichts kannte, gar nichts. Aber als ich in den Startraum trat, da war's, als wenn ich überhaupt nicht weg gewesen wäre. Ich habe auch jeden Meter der Skipiste gekannt und wusste noch exakt, wo jedes Tor gestanden hatte. Ich hab' alles gewusst, alles, was zwischen Startraum und Ziel war. Und sonst, von der ganzen Umgebung, nichts. Das zeigt, wie fokussiert man sich durch die Gegend bewegt hat. Nur mit dem einen Gedanken im Kopf, was man da am Hang machen will.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich der Schnellste zu sein?

Wasmeier: Du willst gewinnen, alles andere ist unwichtig. Da kann neben dir einer umfallen, das merkst du gar nicht. Wenn dich eine Stunde vorm Start einer anspricht, registrierst du das gar nicht. Der ist Luft für dich. Wichtig ist nur die Abfahrt. Das war meine Stärke, das Konzentrieren auf die entscheidende Linie, den Kurs. Den Instinkt zu haben, die perfekte Linie zu fahren. Die muss man schon vorher absolut im Kopf haben. Wenn du startest, darfst du nicht mehr denken. Da musst du dich nur noch aufpuschen, alles zu geben. Das ist dann Kampfsport. Der Gegner ist die Piste, dem musst zu zuvorkommen. Wenn du nur noch reagierst, dann ist ja die Piste der Chef, und dann hast du schon verloren.

Das Interview führte Philip Wesselhöft