Benzingespräch mit Murat Günak "Chrom ist etwas Romantisches"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Günak, die neuen VW-Modelle tragen auffällig viel Chrom, warum?
Günak: Wir wollen VW wieder ein Gesicht geben, und das erkennt man besonders gut am neuen Cabriolet Eos. Die Scheinwerfer sind wie Augen geformt, Mund und Nase werden von unserem neuen Wappengrill gebildet, dem Erkennungsmerkmal aller neuen VW-Modelle. Dieser Grill trägt einen breiten Chromrand. Das symbolisiert einerseits ein starkes Metallteil, also Schutz und Schild, andererseits aber signalisiert das Funkeln des Chroms, dass es sich um etwas Wertvolles handelt.
SPIEGEL ONLINE: Lockt Chrom die Kunden wirklich an wie eine bunte Blüte die Bienen?
Günak: Auf jeden Fall macht Chrom ein Auto interessant und lebendig. Sobald ein Auto mit Chromschmuck auf der Straße steht, entstehen Reflexe und Kontraste zwischen matten und funkelnden Elementen. Eine Karosserie gewinnt dadurch extrem an Lebendigkeit.
SPIEGEL ONLINE: Aber nur, wenn die Chromteile auch tatsächlich glänzen. Und dazu müssen sie regelmäßig geputzt und poliert werden...
Günak: ...stimmt, doch ich halte das für sehr erstrebenswert. Früher war es mal eine Freude, sein Auto von Hand zu putzen. Die Leute beschäftigten sich dadurch sehr intensiv mit ihrem Wagen und bekamen ein ganz anderes Gefühl für ihn. Vielleicht animieren die Chromteile ja den einen oder anderen auch heute wieder zur liebevollen Pflege seines Automobils. Ich fände das toll.
SPIEGEL ONLINE: Ist Chrom eigentlich cool oder romantisch?
Günak: Cool? Nein, Chrom ist nicht cool. Es ist ein glänzendes Edelmetall, das Hinwendung verlangt. Insofern hat Chrom durchaus etwas Romantisches. Aber ich bitte darum, das nicht mit Retro zu verwechseln.
SPIEGEL ONLINE: Diese Assoziation stellt sich unweigerlich ein, denn früher trugen Autos schon einmal sehr viel Chrom, in den achtziger und neunziger Jahren jedoch war Chrom völlig out...
Günak: ...natürlich gibt es ein Auf und Ab im Einsatz von Chrom, und es ist tatsächlich noch nicht lange her, da wurde Chrom am Auto mit altbackenem Design in Verbindung gebracht. Es kommt aber darauf an, wie man Chrom einsetzt. Ich sehe eher das ästhetische Problem darin, dass große, schwarze Öffnungen am Auto allmählich überhand nehmen.
SPIEGEL ONLINE: Wie setzt man denn Chrom am Auto richtig ein?
Günak: Jedenfalls nicht kühl und mathematisch glatt, sondern vielmehr modelliert und in die Gesamtform der Karosserie integriert - dann ist die Wirkung so wie bei passendem Schmuck zu einer stilvollen Abendgarderobe. Chrom kann nämlich auch protzig wirken, und zwar dann, wenn es wie Schminke einfach aufgesetzt wird.
SPIEGEL ONLINE: Mal abgesehen von den Autos, die Sie designen - sind Sie ein "Chrom-Typ"?
Günak: Also wenn Sie auf Schmuck und so weiter anspielen, dann lautet die Antwort nein. Aber ich bin ein Uhrenfan. Glänzende Uhren mit Metallbändern finde ich sehr anziehend. Überhaupt ist glänzendes Metall ein wichtiges Gestaltungselement, dazu gehören Edelstahlarmaturen in Küche und Bad ebenso wie Metallmöbel oder ein funkelndes Feuerzeug.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass ausgerechnet in ökonomisch eher matten Zeiten wieder auf Glanz gesetzt wird?
Günak: Vermutlich hat das weniger mit der Wirtschaftslage als vielmehr mit dem allgemeinen Gemütszustand zu tun. Vielleicht beginnt gerade ein neuer Romantiktrend. Das lässt sich an der zunehmend verspielten, folkloristischen Mode ebenso ablesen wie an der neuen, kräftigeren Farbigkeit bei vielen Produkten.
SPIEGEL ONLINE: Oder am üppigen Chromzierat an neuen VW-Modellen...
Günak: Ja auch da. Ich glaube, die Zeit ist reif für etwas mehr Romantik, denn das Leben ist ja nicht mehr romantisch - wir schreiben heute eine SMS anstelle eines Briefes.
SPIEGEL ONLINE: Und demnächst treffen wir uns alle am Samstagmittag auf dem Autowaschplatz.
Günak: Warum nicht? Chrom wird sich durchsetzen, da bin ich mir sicher. Denn Chrom gehört einfach zum Auto. In diesem Fall waren wir mit VW die Ersten, die das erkannt und umgesetzt haben. Alle anderen werden uns nachahmen.
Das Gespräch führte Jürgen Pander