Benzinklau Klassenloses Verschwinden
Minden - Volltanken und dann verschwinden, ohne zu bezahlen, kommt in Mode", sagt Karl-Friedrich Lihra, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche Deutschland (BTG) in Minden.
Pro Jahr machten sich rund 200.000 Auto- und Motorradfahrer aller sozialen Schichten aus dem Staube, ohne die fällige Rechnung zu bezahlen. Je anonymer und größer die Zapfstation sei, desto höher sei das Diebstahlrisiko. "Das können einige tausend Mark Verlust pro Monat sein", sagt Lihra. Vor allem in Urlaubszeiten und bei großem Gedränge sei die Zahlungsmoral schlecht. Auch jede Preisveränderung beim Benzin wirke sich negativ auf die Zahlungsbereitschaft der Kunden aus.
Besonders beliebt bei den Spritdieben sind nach Feststellungen des Verbandes Großtankstellen - "wegen ihrer Unübersichtlichkeit und der guten Fluchtmöglichkeiten". Spitzenstellungen nähmen derzeit die großen Stationen in den neuen Bundesländern ein. Auch Selbstbedienung und Personalreduzierung tragen ihren Teil zur kriminellen Energie mancher Autofahrer bei.
Betroffen und gefährdet seien mehr als 5000 große Stationen in Deutschland, betont Lihra, der im ostwestfälischen Minden eine von zwölf Videokameras überwachte freie Tankstelle betreibt. Im Schnitt werde ein- bis zweimal wöchentlich an den Stationen Kraftstoff gestohlen, meist mit einem Wert zwischen 20 und 150 Mark.
Der Gesamtschaden, der den deutschen Tankstellenunternehmen jährlich durch den "Wegfahrdiebstahl" entsteht, ist nach Meinung des Vorstandsmitglieds für die Branche statistisch kaum zu ermitteln. Schätzungen des BTG gehen von einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag aus. Das sei jedoch mehr als das Dreifache des Schadens, der jährlich durch Raubüberfälle auf Tankstellen entstehe, meint Lihra. Bei den Mineralölkonzernen spielt der Spritklau-Schaden im Verhältnis zum Kraftstoff-Gesamtumsatz nur eine untergeordnete Rolle, bestätigt eine BP-Sprecherin in Hamburg. Konkrete Zahlen verrät sie allerdings nicht.
Die Täter, die mit Vorsatz gratis tanken, gehen dabei raffiniert vor: "Die Benzindiebe kommen bei Hochbetrieb, und sie parken so, dass man das Autokennzeichen von der Kasse aus nicht erkennen kann", beschreibt ein Bielefelder Tankstellen-Pächter die Situation. Manche Sprit-Räuber kämen sogar in Autos ohne Nummernschild: "Wenn die dann das Gelände wieder verlassen, hilft auch keine Videoüberwachung."
Eine andere Masche: Dreiste Benzinbetrüger tanken, so die Erfahrungen eines Paderborner Pächters, an einer Säule fast voll, wechseln dann zu einer anderen und bezahlen für den dort getankten Rest mit rund zehn Mark. Für die Kassierer sei es meist nicht möglich, gleichzeitig zu kassieren, den zu fast jeder Tankstelle gehörenden Shop im Auge zu behalten und auch noch die Zapfsäulen zu überwachen.
Bei SB-Tankstellen mit zahlreichen Zapfstellen verliert das Personal nach Auffassung von BTG-Geschäftsführerin Sigrid Pook schnell mal einen Kunden aus dem Blick. Die Angestellten bemerkten den offenen Betrag erst, wenn ein anderer Kunde nachfrage, wann denn die entsprechende Säule freigeschaltet werde. Beim Tankbetrug gebe es zudem keine Standesunterschiede: "Die Ganoven rollen im dicken Schlitten oder im Kleinwagen aufs Gelände." Vom Studenten bis zum Geschäftsmann seien alle Berufe und Einkommenskategorien unter den Dieben vertreten.
Spritdiebe müssen sich nach den Erfahrungen des Verbandes kaum vor der Justiz fürchten. Staatsanwaltschaften stellten bei Strafanzeige das Verfahren oft ein, weil der Wert des entstandenen Schadens zu gering sei, hieß es.