Benzinpreis: Schnäppchenfahrt zum Nachbarn - DER SPIEGEL
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Benzinpreis Schnäppchenfahrt zum Nachbarn

Die Spritverteuerung kurbelt den Grenzverkehr zu Tschechien und Polen an. An den Tankstellen der Nachbarländer ist der Liter Super rund 40 Pfennig billiger. Viele deutsche Autofahrer nehmen das zum Anlass für einen Abstecher ins Billigbenzin-Paradies.
Von Jörg Schurig
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zinnwald, deutsch-tschechische Grenze: Die Preistafeln fest im Blick und den Kanister im Kofferraum steuern Wagen aller Klassen wenige Meter hinter dem Übergang zunächst die Zapfsäulen an. "Ich tanke schon seit Jahren hier", sagt ein 41-jähriger Mann aus einem kleinen Ort bei Dippoldiswalde. Rund 40 Kilometer nimmt der Arbeitslose in Kauf, um Superbenzin für umgerechnet 1,48 Mark in seinen Wagen zu füllen. Er habe gar keine andere Chance, andernfalls müsste er sein Auto verkaufen. Fast alle Leute in seiner Gegend nutzen das Preisgefälle beim Sprit aus, sagt der Mann. Damit sich der Ausflug richtig lohnt, ist der 41-Jährige gleich noch zum tschechischen Friseur gegangen.

Auch ein 55-jähriger Frührentner aus Dippoldiswalde füllt den Tank seines Wagens und einen Zehn-Liter-Kanister bis zur Kante. "Ich spare 25 Mark pro Tankfüllung", rechnet er vor. So wie andere verbindet er die oktanhaltige Schnäppchentour mit einem Einkauf an den zahlreichen Verkaufsständen. Die Stange Zigaretten ist hier für 20 Mark zu haben, ein Essen mit Vor-, Haupt- und Nachspeise inklusive einem Bier für fünf Mark. Selbstverständlich kann überall in D-Mark bezahlt werden.

"Die deutschen Tankstellen in Grenznähe werden bald Pleite gehen", orakelt der 55-jährige. Doch auch an der letzten deutschen Tankstelle vor der Grenze (Super: knapp 1,87 DM) herrscht wenige Tage nach dem Preisanstieg durchaus Betrieb. "Die Menschen ändern nicht so schnell ihre Gewohnheiten", meint die Chefin der Tankstelle, Ilona Irrgang. Zwar rechnet sie in den kommenden Tagen mit einem Umsatzrückgang. Dass nun aber alle Autofahrer an ihrer blau-weißen Tankstelle vorbeirauschen, glaubt sie nicht.

Bei einem Preisunterschied von rund 40 Pfennig lässt sich exakt erfassen, bis zu welcher Entfernung die Anreise an eine Grenz-Tankstelle noch lohnt. Bei einem Durchschnittsverbrauch von acht Litern kostet einen Dresdner Autofahrer die Reise nach Zinnwald und zurück (hundert Kilometer) reichlich 13 Mark, wenn er eine Strecke mit "deutschem" Benzin bewältigt. Erst bei einer Fahrtstrecke von insgesamt 200 Kilometern hebt sich der Preisvorteil auf. Die Kosten für den Verschleiß am Auto sind da freilich nicht enthalten.

Rechtlich ist gegen den "Tankstellentourismus" nichts einzuwenden. "Wir haben beim normalen Reiseverkehr keinerlei Handhabe", sagt ein Sprecher des Dresdner Zollamtes. Wenn die Einfuhr von Sprit im "Hauptbehälter" des Autos - sprich: Tank - erfolgt, bleibt das Benzin von einer Einfuhrabgabe befreit. Zusätzlich sind zehn Liter im Kanister erlaubt. Für kommerzielle Zwecke wie den Taxibetrieb ist das Schnäppchen-Tanken allerdings nicht gestattet. Mit einem größeren Ansturm auf die tschechischen Tankstellen rechnen Experten erst in ein paar Tagen - dann, wenn die letzten "preiswerten" Tankfüllungen des Jahres 1999 aufgebraucht sind.