Biokraftstoffe: Schweinerei im Tank - DER SPIEGEL
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Biokraftstoffe Schweinerei im Tank

Keine Woche, in der nicht ein neuer Benzin-Preisrekord vermeldet wird - glücklich schätzen können sich nur die Autofahrer, die alternative Brennstoffe nutzen: Holzklötzchen, Fleischabfälle, Frittenfett oder Schokoladenreste.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die britischen Umweltaktivisten Andy Pag und John Grimshaw fuhren mit einem Auto von London nach Timbuktu, eine Oasenstadt im westafrikanischen Staat Mali. Sie hatten rund 2000 Liter Kraftstoff an Bord, der aus vier Tonnen Schokoladenresten hergestellt wurde. Mit ihrer Reise wollten die Briten zeigen, dass Biodiesel eine Alternative zu herkömmlichen Sprit sein kann. Allerdings verdeutlicht diese Aktion auch ein grundsätzliches Problem der Biokraftstoff-Produktion: Den Rohstoff sollte man eigentlich essen und nicht verfeuern.

Im Prinzip ähnelt die Produktion von Bioethanol der Schnapsherstellung. Als Basis eignen sich zuckerhaltige Pflanzen. Herkömmliche Verfahren nutzen meist Zuckerrohr oder -rüben, Weizen, Roggen oder Mais. Der in den Pflanzen enthaltende Zucker wird durch Hefepilze und Enzyme zu Ethanol vergoren. Ein Liter dieses Sprits setzt bei der Verbrennung so viel Energie frei wie ungefähr 0,66 Liter Ottokraftstoff.

Für die Biodiesel-Produktion ist Rapsöl der wichtigste Rohstoff. Außerdem eignen sich andere Pflanzenöle, Tierfette und - für die Aktion der Umweltschützer - das Fett in der Schokolade. Grundsätzlich werden die Fette durch einen chemischen Prozess so verändert, dass sie einen Motor befeuern können. Das so genannte Kraftstoff-Äquivalent ist besser als bei Ethanol - ein Liter Biodiesel ersetzt rund 0,91 Liter herkömmlichen Diesel.

Die biogenen Kraftstoffe haben eine deutlich bessere CO2-Billanz als herkömmlicher Sprit. Das dafür nötige Erdöl ist vor ungefähr 225 bis 65 Millionen Jahren aus organischen Resten entstanden und hat dabei Kohlenstoff gespeichert. Daraus entsteht bei der Verbrennung unter anderem Kohlendioxid, das für den Treibhauseffekt verantwortlich sein soll. Auch bei der Verwendung biogenen Sprits entsteht CO2. Allerdings wachsen die nötigen Rohstoffe schnell nach und entziehen der Atmosphäre das Treibhausgas.

Um den grünen Sprit aber sinnvoll herzustellen, muss bei der gesamten Produktion auf Nachhaltigkeit geachtet werden. Nicht nur die Auswahl der Rohstoffe, sondern auch die Effizienz des Umwandlungsprozesses und der Transport müssen berücksichtigt werden. Und wenn Getreide als Rohstoff für den Biosprit benutzt wird, kann es als wichtiges Nahrungsmittel fehlen. Einige Unternehmen nutzen deshalb andere Quellen.
SPIEGEL ONLINE stellt einige Methoden vor.

Fleisch für den Tank

Das Unternehmen Ecomotion aus Sternberg in Mecklenburg-Vorpommern nutzt fetthaltige Reste, die in Schlachtbetrieben anfallen. Auch hier ist das Prinzip das gleiche - ein chemischer Prozess wandelt die Fette in Biodiesel um. Ecomotion gehört zur Rethmann-Gruppe, die unter anderem in den Bereichen Kreislaufwirtschaft und Logistik tätig ist. Die rund 3500 Lkw des Konzerns werden ganzjährig durch den selbstproduzierten Kraftstoff angetrieben. Nur im Winter muss wegen der Kälte ein kleiner Anteil herkömmlichen Diesels zugetankt werden.

Milch für den Motor

Ebenfalls auf Produktionsabfälle scheint Müllermilch zu setzen. In diesem Jahr wollen die Bayern mit der Erzeugung von jährlich zehn Millionen Liter Bioethanol beginnen. Dafür sollen sie für 20 Millionen Euro eine Produktionsanlage in Leppersdorf bei Dresden gebaut haben. Dies berichtete das Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit des Freistaats Sachsen. Trotz mehrfacher Nachfrage von SPIEGEL ONLINE wollte Müllermilch zu den Plänen keine Stellung abgeben.

Frittenbude als Tankstelle

Auch Privatleute können sich ihren Biokraftstoff selber herstellen. In England verkauft die Firma Green Fuels den Fuelpod2. Damit kann man aus alten Speiseölen, zum Beispiel aus einer benachbarten Frittenbude, Biodiesel herstellen. Das hört sich zunächst sinnvoll an, aber für die Umwandlung benötigt man Methanol - und das ist giftig. "Menschen können daran erblinden, und wenn Methanol in ein Gewässer gelangt, können dadurch Fische und andere Lebewesen getötet werden", sagt Andreas Schütte, Geschäftsführer der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe.

Pampers-Power

Ebenfalls ungeeignet dürfte ein Verfahren sein, das drei Schweizer entwickelt haben - zumindest für die kurzfristige Produktion von Biokraftstoff. Die patentierte Methode beschreibt, wie aus gebrauchten Windeln und anderen Inkontinenzprodukten Biogas hergestellt werden kann. Der in den Abfällen enthaltenen Zellstoff wird in 13 Tagen zu Biogas vergärt.

Biogene Kraftstoffe lassen sich aus vielen weiteren Rohstoffen herstellen. Aber nicht immer ist damit auch der Umwelt und den Fahrzeugbesitzern geholfen. Andreas Schütte ist der Meinung, dass Autofahrer weniger Brennstoffe verbrauchen müssen. "Und dabei helfen neben technischen Innovationen unter anderem auch die hohen Preise an der Tankstelle", sagt er.