Neues Motorradmodell: Problemfall BMW G 310 R
Lieferstopp bei der BMW G 310 R Fehlstart eines Hoffnungsträgers
Anruf bei einem Hamburger BMW-Motorrad-Händler.
Frage: "Sagen Sie, kann ich die 310 R eigentlich schon kaufen?"
Antwort: "Ja, kein Problem, kommen Sie vorbei".
Soweit, so gut. Aber dann wird es kompliziert.
Nächste Frage: "Wann könnte ich das Teil denn zulassen?"
Die Antwort (nach kurzem Schweigen): "Nun ja, Sie können das Motorrad jetzt erwerben, aber eine Probefahrt können wir nicht anbieten und einen Liefertermin auch noch nicht nennen."
Die Vorgeschichte dieses - für Käufer und Händler gleichermaßen - frustrierenden Gesprächs beginnt im November 2015: Peter Schwarzenbauer, Vorstandsmitglied der BMW AG, und Stephan Schaller, Leiter BMW Motorrad, verkündeten auf einer Pressekonferenz das Ziel, bis zum Jahr 2020 die Verkaufszahlen der Motorradsparte um rund ein Viertel auf 200.000 Exemplare pro Jahr zu erhöhen. Ein passendes Modell für diesen ehrgeizigen Plan präsentierten die beiden bei der Gelegenheit gleich mit: den kleinen Einzylinder BMW G 310 R mit 313 Kubik.
Diese Maschine, so die Erwartung der Münchner, sollte der Türöffner für weitere Segmente, größere Zielgruppen und vor allem für die wichtigen Märkte in Brasilien und Asien werden. Stephan Schaller sagte damals: "Die 310er dürfte mit das wichtigste BMW-Motorrad nicht nur für 2016, sondern auch in den nächsten Jahren werden." Angepeilte Markteinführung des Hoffnungsträgers, weltweit: zweites Quartal 2016.
Inzwischen spricht man in München über einen Start im Frühjahr 2017.
Ein BMW-Pressesprecher formulierte bereits vor Wochen sehr vorsichtig: "Zur neuen Saison sollte das Fahrzeug wohl bei den ersten Händlern sein." Verzögerung in Deutschland also: rund ein Jahr. Weltweit wird es noch später.
Die Hintergründe der Verzögerung
Die Ursachen für die vermurkste Einführung liegen in Deutschland und Indien: Für die Produktion der G 310-Plattform hat sich BMW mit dem indischen Hersteller TVS in Bangalore zusammengetan. Die TVS Motor Company ist mit rund drei Millionen Fahrzeugen pro Jahr der drittgrößte Zweirad-Produzent in Indien - und bekannt für gute Qualität und seriöse Modellpolitik. Eigentlich.
Neues Motorradmodell: Problemfall BMW G 310 R
Doch bei der Kooperation muss etwas schief gelaufen sein. Und zwar nicht nur in Bangalore: So hat BMW bei Testfahrten mit Modellen aus der obligatorischen Vorserie gravierende Qualitätsmängel bei einem Zulieferer festgestellt - allerdings erst im vergangenen Sommer. "Es gibt Probleme mit der Langzeitfestigkeit eines bestimmten Bauteils", bestätigte ein BMW-Sprecher. Es handle sich um ein Teil, das von einem indischen Zulieferer stamme, sagte der Sprecher weiter, ohne weitere genaue Angaben dazu machen zu wollen.
Auch als die 310 R Anfang September 2016 erstmals Fachjournalisten für Testfahrten zur Verfügung gestellt wurde, kamen rasch Zweifel an der Marktreife des Motorrads auf. Die Route führte durch das bayerische Voralpenland; die 310 R lief rund - wie gewichtige 158 Kilogramm bei 34 PS aus einem Zylinder eben so laufen - aber die Tester hatten zügig einen Schwachpunkt festgemacht: das Schaltgetriebe. Die sechs Gänge hakelten und die Suche nach dem Leerlauf gestaltete sich zu einem Stochern im Trüben. Das Webportal "Bikerszene" formulierte es noch wohlwollend: "Die Ganganzeige im von Conti zugelieferten Digital-Cockpit erleichtert aber die Wahl des richtigen Gangs."
Anfang Oktober 2016 verfügte BMW dann einen Modellstopp. Vollständig im Griff hat der Hersteller die Fertigungstoleranzen aber offenbar noch immer nicht: Von einer Testfahrt Anfang Dezember 2016 in Los Angeles berichtete ein Teilnehmer, dass man besser noch rolle, wenn man bei der G 310 R einen Gang wechseln oder den Leerlauf treffen wolle. Im Stand gehe gar nichts.
Zurück ins Stammwerk
Beim Hamburger BMW-Händler steht die 310 R noch als Ausstellungsstück im Schauraum. In ein paar Wochen sollen alle bisher ausgelieferten Fahrzeuge zurück ins Stammwerk in Spandau gehen. "Sowas kann schon mal passieren. Bei manchen neuen Modellen rät man den Kunden schon mal, lieber die zweite Generation abzuwarten", sagt der Händler. Im Frühjahr soll der Verkaufstopp aufgehoben und neue Maschinen geliefert werden; dann endgültig ohne Mängel.
Für das zweite Halbjahr 2017 will BMW als weiteres globales Modell die neue Klein-Enduro G 310 GS auf den Markt bringen. Motor und Antriebsstrang der Maschine sind identisch mit der 310 R - und stammen von der gleichen Fertigungsstraße in Bangalore.