Bockhorner Oldtimermarkt: Liaison mit Patina - DER SPIEGEL
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Bockhorner Oldtimermarkt Liaison mit Patina

Mit über 3000 klassischen Fahrzeugen gehört das Oldtimer-Treffen in Bockhorn zu den größten Freilichtveranstaltungen in Europa. Am vergangenen Wochenende pilgerten wieder Zehntausende Fans alter Autos zur Mischung aus Autoshow und Volksfest.
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Die beiden Männer sind erregt. "Da geh ich einmal mit 'nem Kärcher rüber, dann ist der wieder blitzeblank", verspricht der Mann hinter dem Tapeziertisch. Auf seinem Baseball-Cap prangt ein schlecht kopierter Mercedes-Stern, sein ausgeprägter Bauch wird von einem T-Shirt seines Oldtimer-Stammtisches in Zaum gehalten. "Was willst du denn für das alte Teil haben", fragt sein Gegenüber, während er mit dem Finger auf ein bräunlich angelaufenes Metallknäuel deutet, über dem ein handgemalter Zettel mit der Aufschrift "Mercedes-Motor Baureihe W108/109" zur Identifizierung beitragen soll. "1500 Euro", entgegnet der Verkäufer resolut. Der Interessent winkt ab und trollt sich.

Es ist die Mischung aus Jahrmarkt und Autoshow, aus Sehen und Gesehen werden, die Jahr für Jahr rund 30.000 Besucher in die niedersächsische 9000-Seelen-Gemeinde Bockhorn lockt. Die 150.000 Quadratmeter große Wiese am Rande der Gemeinde wird traditionell im Juni zum Mittelpunkt für Oldtimerfreaks aus ganz Deutschland und Teilen Europas. Wie auch an diesem Wochenende, an dem die 24. Auflage des größten norddeutschen Freilichttreffens für Freunde klassischer Fahrzeuge stattfand: der "Bockhorner Oldtimermarkt".

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Oldtimertreffen in Bockhorn: Fellroller und Fiat-Veterane

Foto: Mike Glindmeier

Obwohl wie nahezu jedes Jahr die Straße von der Autobahn zum rund sieben Kilometer entfernten Veranstaltungsgelände völlig verstopft ist, sieht man überall nur gut gelaunte Gesichter - und Autos, Autos, Autos. Vom Brezel-Käfer über Opel Manta A bis hin zu amerikanischen Schlachtschiffen ist alles vertreten, was alt ist und den Weg ins Oldtimer-Mekka überstanden hat. "Ist das die Original-Stoßstange", fragt ein Ford-Taunus-Fahrer einen Kollegen im knallgelben Capri. "Was denkst du denn", lautet die Antwort, die reichlich Platz für Interpretationsspielraum lässt.

Am Eingang trennt sich die Spreu vom Weizen. Auf das umzäunte Gelände dürfen nur Gefährte, die mindestens 30 Jahre alt sind - ganz gleich ob Roller, Trecker oder Auto. Schließlich soll sich das zahlende Publikum nicht an würdelosen Plastikbombern aus der automobilen Neuzeit stören. Es ist wohl die einzige Show-Veranstaltung, bei der die Besucher die Attraktionen selbst mitbringen. Schon am Eingang erstes Staunen: Ein etwa zehn Jahre alter Junge steuert einen Lanz Bulldog wie selbstverständlich durch die dichten Reihen der Besucher. Dieselgeruch hängt in der Luft, während sich der Vorkriegstrecker mit lautem Knattern seinen Weg bahnt.

Zwei Jahre Regen sind existenzbedrohend

Auf den ehemaligen Äckern lockt neben den rund 3000 historischen Fahrzeugen besonders der anscheinend endlose Teilemarkt die überwiegend männlichen Besucher an. Denn für viele Oldi-Besitzer sind Veranstaltungen dieser Art die einzige Möglichkeit, ihren blechernen Liebling wieder flott zu bekommen. Wer keine mobilitätsexistenziellen Beweggründe hat, kann in alten Prospekten stöbern, mit Clubmitgliedern über die Performance seines Autos fachsimpeln oder sich über die unverzichtbaren Vorzüge von Bleiadditiven für alte Motoren informieren. Über tausend Aussteller bevölkern drei Tage lang die Wiese - der angrenzende Zeltplatz macht es möglich.

Was als kleiner Flohmarkt begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einem Großevent entwickelt, bei dem die ganze Gemeinde mithilft und verdient. Das finanzielle Risiko trägt Veranstalter Herbert Ahlers allerdings alleine, seine drei Söhne und die Ehefrau unterstützen ihn beim Organisieren und am Veranstaltungstag: "Ich habe die Wiesen nach und nach dazu gekauft. Meine Familie und ich sind von diesen drei Tagen im Jahr stark abhängig", gibt der 58-Jährige zu. "Das Ganze hatte eine ziemliche Eigendynamik. Ich musste sogar meinen Job aufgeben, um mich voll und ganz auf den Oldtimermarkt zu konzentrieren", so der gelernte Metallbauer, der nebenbei technische Oldtimerliteratur vertreibt. Zwei Jahre schlechtes Wetter hintereinander können schon existenzbedrohend sein.

Auf dem Teilemarkt herrscht bereits am Mittag reges Treiben. "Achtung eine Durchsage", knarzt es aus den Lautsprechern, die am Rand der sechs fußballfeldgroßen Wiesen aufgestellt sind. "Wir begrüßen ganz herzlich Manuela aus Budapest, die bislang die weiteste Anreise hatte", verkündet einer der zahlreichen Helfer. An den Autokennzeichen der Teilnehmer lässt sich ablesen, dass auch Oldtimerfreunde aus Holland, Frankreich und Italien den Weg an den Jadebusen gefunden haben.

Selten zeigt sich eine Göttin oben ohne

Das Herzstück der Veranstaltung ist die Oldtimerwiese. Wer einen ersten Blick über die Rasenfläche wirft, bekommt den Eindruck, er stehe direkt auf dem Hof eines Autohändlers in den siebziger Jahren. Die prachtvolle Kombination aus poliertem Blech und Chrom weckt die Kindheitserinnerungen vieler Besucher. "So einen hatte mein Vater auch mal", ruft ein Mittdreißiger seiner sichtlich genervten Begleiterin zu und zieht sie am Arm zu einem erbsensuppengrünen Opel Diplomat. Einige Meter weiter kleben die Nasen von einem Dutzend Besuchern an den 21 Scheiben eines VW-Samba-Busses, der zu den letzten Vertretern ihrer aussterbenden Art in Deutschland zahlt und immerhin gleich dreifach in Bockhorn vertreten war.

Neben weiteren Raritäten wie einem Cabrio der Citroën-DS-Baureihe - genannt "die Göttin", die jeder als treuer Begleiter des französischen Witzbold Louis de Funès in Erinnerung haben dürfte - oder einem original erhaltenen Schwimmfahrzeug aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges prägen in der Mehrzahl Klassiker der Automobilgeschichte das Bild. Opel Rekord, Mercedes /8, Ford Capri oder VW 1600 - diese Typen verleihen dem Bockhorner Oldtimermarkt den Titel "Volksfest".

Denn im Gegensatz zu einer Oldtimermesse bieten hier keine gestylten Verkäufer hochglanzpolierte Nobelkarossen vom Kaliber Astin Martin DB oder Mercedes 300 SL dem Publikum zu sechsstelligen Summen an. In Bockhorn ist die Masse der Star - nicht die Klasse. Das macht diese Veranstaltung für jedermann so beliebt.

"Wer den Tod nicht scheut fährt Lloyd"

Höhepunkt der Oldtimertage ist alljährlich die "Friesland-Rallye", bei der 100 Fahrer mit Fahrzeugen bis Jahrgang 1967 teilnehmen dürfen. Dabei geht es allerdings nicht um Schnelligkeit: "Wir möchten den Teilnehmern auf der 90 Kilometer langen Strecke die Landschaft näher bringen", sagt Ahlers. Der Star der Veranstaltung - ein Fiat 509 aus den zwanziger Jahren ging leider nicht an den Start. Verständlich, wenn man bedenkt, dass es den Italiener auf dem gesamten Globus nur noch in einstelliger Stückzahl gibt.

Zur Freude der Besucher und Ahlers ist es an diesem Wochenende abgesehen von ein paar Schauern überwiegend trocken. Wie auch der Humor der Teilnehmer. Die Oldtimerfreunde wollen einfach nur feiern - ihr Auto, sich selbst oder die Errungenschaft vom Teilemarkt. Dazu gehören natürlich die Frozzeleien zwischen den meist sehr markentreuen Autoliebhabern.

"Wer den Tod nicht scheut fährt Lloyd", spottet einer der Besucher beim Anblick eines Lloyd-Schnelllasters. Der vermeintliche Besitzer nimmt die verbale Attacke auf seinen vierrädrigen Freund mit Gelassenheit und kontert in Richtung des Granada-Piloten: "Er fuhr Ford und kam nie wieder." Womit er nicht ganz richtig liegt. Denn die meisten werden wieder kommen, wenn am zweiten Wochenende im Juni 2006 ein Jubiläum lockt: die 25. Bockhorner Oldtimertage.

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