Cabrio-Dächer: Eine psychologische Entscheidung - DER SPIEGEL
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Cabrio-Dächer Eine psychologische Entscheidung

Stahl oder Stoff - bei dieser Frage ist die Szene der Cabrio-Fans gespalten. Immer mehr Hersteller schicken ihre Frischluft-Gefährte mit Metallverdecks auf die Straße. Mit dem faltbaren Hardtop sollen vor allem Umsteiger angesprochen werden, die ihr Coupé oder ihre Limousine gegen ein Open-Air-Modell eintauschen wollen.
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Stuttgart/Osnabrück - Seit Mercedes mit dem SLK 1996 das erste neuzeitliche Frischluft-Gefährt mit einem Faltdach aus Metall auf dem Markt brachte, scheint die Stoffhaube ein Auslaufmodell zu sein. Auch Kleinwagen tragen inzwischen häufiger Stahl anstatt Stoff. So hält beim Peugeot 206 CC oder dem von Opel für 2004 avisierten Roadster auf Corsa-Basis ein Metallverdeck Einzug, gleiches gilt für den Peugeot 307 CC und den Renault Mégane CC. In naher Zukunft würden nur noch die Modelle für echte Puristen und radikale Preisbrecher auf das Stahlverdeck verzichten, so Peugeot-Sprecher Thomas Schalberger.

Doch allen Unkenrufen zum Trotz liegt auch das Stoffdach weiter im Trend. Schließlich gab es allein in diesem Jahr mit dem offenen Saab 9-3, dem New Beetle Cabrio von VW, dem Ford StreetKa und der Open-Air-Variante des Mercedes CLK vier wichtige Premieren, bei denen sich die Entwickler für Stoff statt Stahl entschieden haben. Und auch Porsche hält dem Stoff etwa beim neuen Turbo Cabrio weiter die Treue.

Natürlich habe man bei der Entwicklung des CLK auch über eine Konstruktion wie beim SL und dem SLK nachgedacht, sagte Mercedes-Chef Jürgen Hubbert bei der Fahrzeug-Vorstellung. Doch für einen großen Viersitzer gebe es derzeit keine Alternative zum Stoffverdeck. Denn wenn die gesamte Länge des Innenraums mit Stahl überspannt werden soll, müsse man entweder das Dach in der Mitte teilen und dann eine wenig schöne Nahtstelle akzeptieren - oder das Auto bräuchte ein sehr langes Heck, um das riesige Dach zu verstauen.

Nachteile im alltäglichen Betrieb müssen die CLK-Fahrer aber laut Mercedes nicht fürchten. Denn die Schichten aus Stoff und Isoliermatten schützten die Passagiere vor kalten Temperatur und lauten Geräuschen ebenso gut wie ein Stahlverdeck. Vandalismus und Diebstahl sollen spezielle Fasern im Verdeckstoff verhindern. Das Gestänge unter dem Stoff wirke zudem nach jüngsten Versuchsreihen der Technischen Universität Berlin wie ein Faradayscher Käfig und lasse die elektrischen Ströme gefahrlos abfließen.

Ganz ähnlich begründet auch Saab die Entscheidung für das Stoffverdeck: Es gebe noch keine zufriedenstellende Alternative füreinen großen Viersitzer, heißt es beim Entwicklungsteam des Cabrios. Außerdem hätte sich mit einem Stahldach nicht verwirklichen lassen, was den offenen 9-3 von seinen Mitbewerbern abhebt. Denn als einziges Cabrio-Verdeck in diesem Segment lässt sich das Dach des Schweden nach Angaben von Pressesprecher Olaf Meidt noch bei Tempo 30 öffnen.

Ein weiteres Argument gegen das faltbare Hardtop sind derzeit in einigen Fahrzeug-Segmenten offensichtlich die Kosten. Vor allem aus Preisgründen hat sich zum Beispiel Ford nach Angaben des europäischen Entwicklungschefs Derrick Kuzak beim StreetKa für Stoff statt der Stahlkappe entschieden. Für den Zulieferer Karmann in Osnabrück, der für Automobilhersteller Cabrios und Roadster sowohl mit Stoff- als auch mit Stahlverdecken konstruiert und produziert, ist die Frage des Verdecks eher eine psychologische Entscheidung. Traditionelle Cabrio-Fahrer würden, das zeige die Marktforschung von Karmann, immer ein Stoffverdeck bevorzugen, weil sie damit näher an ihren klassischen Vorstellungen seien. Mit einem faltbaren Hardtop dagegen ließen sich vor allem Umsteiger ansprechen.

Tomas Geiger, gms