Chrom-Revival: Stoßstangen groß wie ein Elchgeweih - DER SPIEGEL
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Chrom-Revival Stoßstangen groß wie ein Elchgeweih

Chrom, vor kurzem noch verpönt, ist wieder ein Thema für Autodesigner. Die Nüchternheit der achtziger Jahre scheint überwunden.
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Hamburg - Das moderne Auto blitzt und funkelt wieder: Nach Jahren der Schlichtheit ist ein lange abgemeldeter Werkstoff mit voller Kraft in den Autobau zurückgekehrt, der Chrom. "Das Material erlebt ein Revival", stellt Florian Moser von Mercedes-Benz fest und sein Kollege Josef Schloßmacher von Audi ergänzt: "Chrom ist derzeit stark im Trend." Selbst biedere Familienkutschen wie der VW-Passat haben wieder chromumrandete Seitenscheiben und ein Trendsetter wie der neue Mini aus dem Hause BMW ist geradezu überladen mit dem widerstandsfähigen Metall.

Dabei ist Chrom ursprünglich nicht als Verschönerungsmaterial gedacht gewesen: Das sehr harte und weitgehend rostfreie Metall wurde an problematischen Stellen eingesetzt. Etwa am Kühlergrill, der durch tote Insekten dreckig wurde. Doch schon schnell merkten die Designer, dass Chrom mehr kann: In den fünfziger Jahren wurden die Autos zunächst in den USA, dann auch in Europa mit dem Material behängt wie Weihnachtsbäume. In den USA ging das so weit, dass Modellerneuerungen am Ende nur aus anders geformten Chromleisten bestanden. Selbst der VW-Käfer war mit Chromstoßstangen groß wie ein Elchgeweih zu bekommen.

In den achtziger Jahren kam dann die große Ernüchterung im Autobau: Die Wagen wurden heller und bunter, was dem Chrom die Wirkung nahm. Außerdem galten Chromleisten als betulich und opahaft. Die coolen neuen Autos, etwa der Golf GTI, kamen ohne aus. Selbst der GTI-Schriftzug am Heck war schwarz. Gerade sportliche Wagen gaben sich nüchtern, die Stoßfänger wurden schwarz oder waren in Wagenfarbe lackiert. "Es gab zwei Generationen der 3er-Modelle, bei denen Chrom kein Thema war", erinnert sich Wieland Bruch von BMW. Dazu kam: Neue Plastikmaterialien waren kräftig genug, um als Kühlergrill oder Stoßfänger herzuhalten und dazu billiger. Überlebt hat der Chrom damals vor allem in den Luxuslimousinen.
Nach der Chrom-Fastenzeit der achtziger und auch lange Zeit der neunziger Jahre geht es nun wieder los. Als einer der ersten Hersteller ging BMW wieder stärker darauf ein, heute ist zum Beispiel bei den 3er- und 5er-Modellen die Chromumfassung der Fenster ein dezentes Differenzierungsmerkmal: Bei diesen Autos steckt ein Sechszylinder unter der Haube. Bei Mercedes und Audi bestellen Neuwagenkunden kräftig zusätzliche Chromteile, die in Paketen mit Preisen bis zu 2000 Mark angeboten werden. Beim überarbeiteten VW-Passat dient der Seitenchrom dazu, den Wagen länger aussehen zu lassen.

Aber der Chrom hat auch sein Image geändert: So wie in der Küche Chromtoaster die alten Modelle aus mit Blümchen bedrucktem Blech abgelöst haben, ist das Metall auch im Autobau wieder als hochwertig besetzt. "Chrom gilt als edel", sagt VW-Designer Rüdiger Folten. Daher setzt Volkswagen bei den großen Modellen das Material auch wieder mehr ein, denn nach dem Willen von Konzernchef Ferdinand Piëch soll die Marke sich in Richtung BMW und Mercedes orientieren.

Aber die Designer müssen auch vorsichtig sei: "Man darf nicht einfach wahllos Chromleisten und -verzierungen auftragen, der Werkstoff muss bewusst eingesetzt werden", erklärt Folten. Als Beispiel für ein überladenes und missglücktes Gefährt gilt in der Branche der Rover 75.

Auch in der Zubehörindustrie ist man froh über den neuen Boom: "Es geht deutlich nach oben", sagt Andreas Freyer von der Firma Spangenberg bei Hamburg. Spangenberg brachte in den siebziger Jahren die verchromten Radlaufleisten nicht nur nach Deutschland, sondern weltweit auf den Markt. Mittlerweile lässt Freyer selbst für die koreanische Billig-Marke Kia glänzenden Zusatzteile entwickeln.

Bei den blitzenden Teilen ist der Chrom selbst nur eine hauchdünne Schicht: Der Träger Messing wird damit überzogen. "Bei den billigeren Teilen ist es auch nur Plastik, auf das der Chrom aufgetragen wird. Aber das sieht schnell billig aus", warnt Chromexperte Freyer.

Claus-Peter Tiemann, AP