CNG-Autos Vollgas mit gutem Gewissen
Wenn ab 21. Juni die frisch geschminkte B-Klasse an den Start geht, gibt es nicht nur ein überarbeitetes Design, optimierte Motoren, und die lange erwarteten Blue-Efficiency-Modelle mit Start-Stopp-Automatik. Sondern passend zur neuerlichen Benzinpreis-Rallye auch ein Erdgas-Modell. Der B 170 NGT kostet zwar happige 28.798 Euro (das Standardmodell gibt es ab 23.443 Euro), lockt aber mit dem Slogan "Tanken für die Hälfte" und schmeichelt obendrein dem Umweltgewissen. "Der CO2-Ausstoß im Erdgasbetrieb liegt mit 135 Gramm pro Kilometer etwa 17 Prozent unter dem im Benzinbetrieb", sagt Klaus Badenhausen, bei Mercedes verantwortlich für die B-Baureihe.
Für den Einsatz als Klimaschoner und Kostenkiller bekommt die Erdgas-B-Klasse fünf Zusatztanks, die im Sandwichboden des Fahrzeugs versteckt sind. Zwei Stahlröhren unter dem Beifahrersitz und drei unter dem Kofferraum fassen zusammen 16 Kilogramm Erdgas. Das reicht für rund 300 Kilometer. Der normale Benzintank bleibt davon wie auch der Kofferraum unberührt. Weil der Fahrer auf Knopfdruck zwischen Erdgas- und Benzinbetrieb wechseln kann, kommt die B-Klasse insgesamt auf eine Reichweite von mehr als tausend Kilometern.
Als Basis für das zweite Erdgasauto haben die Mercedes-Entwickler mit Bedacht die B-Klasse gewählt. Zwar würde die Technik prinzipiell auch in die A-Klasse passen. Doch ginge dort für weniger Gas auf jeden Fall Kofferraumvolumen verloren, sagt Badenhausen. Zudem fehlt es der A-Klasse an Flotten- und Geschäftskunden. Die B-Klasse dagegen ist vor allem bei Taxifahrern sehr beliebt. Produktmanager Felix Braun ist überzeugt, dass sie die wichtigsten Erdgaskunden sein werden.
Vollmachen für 16 Euro
Die Droschken mit ihrem vergleichsweise eng begrenzten Aktionsradius werden meist im Erdgasmodus fahren und fast immer eine der knapp 800 Erdgaszapfsäulen in Deutschland in Reichweite haben. Und vor allem wird sich bei Taxiunternehmern der stattliche Aufpreis von rund 3700 Euro gegenüber dem konventionellen Benziner am schnellsten amortisieren. Doch Privatleute, die ohne akribische Kosten-Nutzen-Kalkulation hinters Steuer steigen, werden am Tanken endlich wieder Freude haben, prophezeit Badenhausen mit Blick auf den steuerbegünstigt niedrigen Gaspreis: "Welches andere Auto können sie heute noch für 16 Euro volltanken?"
Wenn die Benzinpreisentwicklung so weiter geht, wird der Triumph beim Tanken von Erdgas immer größer. Doch auf der Straße sind die Gasautos bislang eher Spaßbremsen, weil es ihnen an Leistung und Sprintvermögen fehlt. Das gilt auch für die B-Klasse. Zwar hat der Benz, im Gegensatz zu Erdgasmodellen wie dem VW Caddy oder dem Fiat Panda, im Benzinbetrieb exakt die gleiche Leistung wie im Erdgasmodus, doch nutzen die Schwaben dafür einen Trick: Während der normale B 170 mit einem 1,7-Liter-Motor antritt, ist der B 170 NGT ("Natural Gas Technology") ein verkappter B 200 mit zwei Litern Hubraum.
Die Maschine leistet normalerweise 136 PS. In der Ökoversion aber sind es nur 116 PS und maximal 165 Nm Drehmoment. Damit ist der Sparer beileibe kein Sprinter zumal er aufgrund der Erdgastanks und -technik auch noch etwa 150 Kilo Mehrgewicht schleppen muss. Beim Sprint auf Tempo 100 vergehen zähe 12,4 Sekunden, und bis der Wagen die Höchstgeschwindigkeit von 184 km/h erreicht, muss man ihn lange rollen lassen.
Lösung für den Spaßbremse-Effekt
Doch für den Zielkonflikt aus Spaß und Sparsamkeit zeichnet sich eine Lösung ab: Nachdem immer mehr Benziner mit Aufladung ausgerüstet werden, sollen künftig auch die Erdgasmotoren den Turbo-Schub nutzen. VW hat bereits für den Jahreswechsel einen Passat angekündigt, dessen 1,4-Liter-Motor auf 150 PS und 220 Nm kommen soll. Und auch die Audi-Ingenieure arbeiten am Erdgas-Turbo: Sie stellen für 2009 einen aufgeladenen Vierzylinder in Aussicht, der 163 PS leistet, im A5 binnen 8,9 Sekunden Tempo 100 erreicht und flotte 228 km/h schafft.
Als dritter im Bunde hat vergangene Woche auch Opel einen CNG-Turbo avisiert. Die 1,6-Liter-Maschine soll im kommenden Jahr den gleich großen Saugmotor ersetzen und einen Leistungssprung von 95 auf 150 PS ermöglichen. Gleichzeitig klettert das maximale Drehmoment auf 210 Nm.
Mit solchen Konzepten könnten Akzeptanz und Marktanteile der Erdgasfahrzeuge künftig noch schneller steigen. Ähnlich wie der Dieselmotor, der anfangs zwar als wirtschaftlich, aber wenig dynamisch galt, vollzögen Erdgasfahrzeuge nun einen Entwicklungsschritt, der sie neu positionieren werde. "Wer bisher ein Erdgasfahrzeug gekauft hat, tat dies aus Vernunftgründen", sagt Ulrich Müller, Vorsitzender des Trägerkreises Erdgasfahrzeuge. "Mit der neuen Motorengeneration sprechen Erdgasfahrzeuge künftig auch die Emotionen an. Und die Freude beim Blick auf die Tankquittung bleibt."