Como - St. Moritz Auf der Risotto-Rösti-Route
Die meisten Fensterläden sind noch geschlossen, die Villen schlummern still hinter den Rhododendron-Deichen, über dem See schimmert feiner Dunst, und von Osten rutschen die ersten Sonnenstrahlen über die Bergkuppen hinunter ins Wasser. Friedlich liegt der Comer See in seinem Ypsilon-förmigen Bett - und wir verlassen nach einem frühen Cappuccino und ein paar Keksen die alte Stadt Como am Südwestzipfel des Sees. Am Vorabend noch gab es Risotto in einem Restaurant am Ufer - an diesem Mittag soll nun Rösti auf dem Speiseplan stehen, und zum Nachtisch ein Stück der berühmten Engadiner Nusstorte.
Es geht, den See immer steuerbord, über Cernobbio nach Laglio. Ja, das ist der Ort, in dem Hollywood-Star George Clooney eine Villa besitzt und Ehrenbürger ist. Sein Haus steht direkt zwischen Straße und See, trägt die Nummer 20 und heißt "Villa Oleandra". Von außen sieht es alles andere als spektakulär aus und davor zu parken ist auch verboten - aber als Plauderthema ist es ganz nett, während man durch enge und engste Ortsdurchfahrten schlüpft und den verblassten Prunk der Palazzi bewundert.
In Menaggio endet die Fahrt vorübergehend. Wir rollen auf die Fähre, die am Nobelort Bellagio vorbei Kurs auf Varenna am gegenüberliegenden Ufer nimmt. 24,60 Euro kostet die Hin- und Rückfahrt pro Pkw. Zirka 15 Minuten dauert die erfrischende Überfahrt, anschließend geht es wieder mit dem Auto weiter - entweder auf der Uferstraße über Bellano und Colico, oder, wenn es etwas hurtiger sein soll, über die Schnellstraße, die hoch über dem Wasser in vielen Tunnels gen Norden führt.
Nach der Seefahrt folgt die Bergbahn
An der Nordspitze des Sees wandelt sich die Landschaft zum ersten Mal deutlich. Mächtig rücken die Berge ins Bild, in lockeren Schwüngen pendelt die Straße durchs Tal der Mera, vorbei an Verceia und Novate Mezzola nach Ciavenna. Hier gibt's im Ortszentrum einen großen Kreisverkehr, der den Verkehr in drei Hauptrichtungen leitet: zum Comer See (von wo wir gerade herkommen), weiter nach Norden zum Splügenpass sowie nach Ost-Nordost ins Bergell, zum Maloja-Pass und nach St. Moritz. Diese Strecke schlagen wir ein, und abermals wandelt sich das Bild.
Die Berge rücken dichter heran, wachsen höher in den Himmel und tragen jetzt weiß glänzende Kappen. Von den Felsen stürzen Wasserfälle, die Wiesen werden noch grüner, und den Häusern fehlt der Glanz des Mondänen nun vollständig. Die Höfe sehen hier nach harter Arbeit aus, rohe Mauern, gedrungene Architektur - der Schutz vor Schnee und Eis hat Vorrang vor dem Schutz vor allzu stechenden Sonnenstrahlen.
Überraschung nach dem Serpentinen-Labyrinth
Das Fahren wird nun vollends zum Genuss. Hinter der Grenze zur Schweiz geht es in Riesenslalombögen stetig bergan. Vorbei an Soglio, Vicosoprano, der Bergbahnstation hinauf ins Bergsteiger- und Kletterer-Paradies rund um den Albinga-Stausee sowie an Casaccia. Allmählich schnürt sich das Tal immer dichter um die Straße - und dann tauchen sie unvermittelt auf: die ersten Spitzkehren des Maloja-Passes. Wie durch ein Labyrinth winden sich die Serpentinen hinauf auf 1815 Meter - und oben folgt die Überraschung.
Man steht zwar auf einer Passhöhe, aber auf der anderen Seite geht es nicht hinunter. Sondern - und hier wandelt sich das Bild schon wieder - der Blick schweift ins breite Hochtal des Oberengadins. Gleich hinter Maloja, dem Ort direkt am Pass, füllt der Silser See den Talgrund, der links und rechts von wilden Massiven flankiert ist. Es folgt der Silvaplaner See, die ganze Mischung aus Wasser, Wiesen, Wald, Fels und Gletschern ein einziges Idyll. Eine Bilderbuch-Schweiz mit einer Bilderbuch-Straße, die wie ein rhythmisches Band durchs Tal führt.
Zweimal Olympia hat St. Moritz berühmt gemacht
Und dann ist man auch schon in St. Moritz, dem Alpen-Hollywood, dem Nobelort, dem Bergbauerndorf, das es zu Weltruhm gebracht hat - vor allem durch die Olympischen Winterspiele, die 1928 und 1948 hier stattfanden. Und natürlich gastiert hier jedes Jahr der Ski-Weltcup, die Bobfahrer kommen und die Eispolo-Spieler und all die Schönen und Reichen, die hier Ski fahren, Partys feiern und Geld ausgeben. Ein Bummel durch den Ort ist empfehlenswert. Außerdem ist es Zeit für eine Stärkung. Rösti eben, oder eine luftgetrocknete Salsiz und danach Birnenbrot oder die ebenso berühmte wie mürbe Engadiner Nusstorte.
Und jetzt? Zurück zum Comer See wäre eine Variante. Oder weiter gen Norden über den kühl-majestätischen Julier-Pass. Oder nach Süden über den klassisch-kühnen Bernina Pass. Oder immer weiter durchs Engadin am jungen Inn entlang. Oder einfach in St. Moritz verweilen, die Pracht der Hotelpaläste genießen - die hier eine ganz andere ist als jene am Comer See -, das gute Essen, die lockenden Berge und die ausgezeichneten Straßen.