Corvette ZR1: König der Kraftmeier - DER SPIEGEL
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Corvette ZR1 König der Kraftmeier

Europäische Sportwagen sind für Amerikaner keineswegs das Nonplusultra - US-Autofans interessieren sich auf der Motor Show in Detroit vor allem für die neue Corvette ZR1. Mit der will General Motors nicht nur die Dodge Viper des Konkurrenten Chrysler in die Schranken verweisen, sondern auch Ferrari und Co.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Corvette ist für die Amerikaner nicht nur ein Auto, sondern eine Ikone. Sie gilt der PS-Fraktion jenseits des Atlantiks als die Mutter aller Sportwagen und hat einen Stellenwert, ähnlich wie der Porsche 911 in Deutschland oder der jeweils neueste Ferrari in Italien. Dennoch war General Motors mit dem legendären Kraftmeier zuletzt nicht so ganz glücklich.

Zwar lief der Absatz allen Benzinpreisdiskussionen zum Trotz erfreulich. Doch exakt vor einem Jahr hat der US-Konkurrent Chrysler mit dem Modell Dodge Viper die Legende vom PS-Thron geschubst: Gegen die 600 PS der Viper waren die bisherigen 404 PS des Corvette-Serienmodells und die 512 PS der Sportversion Z06 etwa so viel Wert wie im Poker zwei Damen gegen einen Royal Flush.

Jetzt versucht General Motors die Vollgaswelt wieder zurechtzurücken und enthüllt auf der Auto Show in Detroit die Corvette ZR1, die bereits als neuer "King of the Hill" gefeiert wird - als Erinnerung an eine Sonderserie aus den neunziger Jahren, die damals mit 375 PS alle Konkurrenten übertrumpfte.

Heute allerdings muss es deutlich mehr Leistung sein. 620 PS sollen der neuen Corvette einen soliden Vorsprung vor der Viper verschaffen und den potenten Klassiker zudem näher an die europäischen Boliden aus Maranello, Sant'Agata und Zuffenhausen rücken.

"Mit der ZR1 wollen wir zeigen, was ein amerikanischer Supersportwagen leisten kann", sagt Chevrolet-Chef Ed Peper, der auch die Corvette verantwortet. "Und das zu einem Preis, der die anderen Supersportler alt aussehen lässt. Die sind doppelt, dreimal oder viermal so teuer." Was die Extrem-Corvette schließlich kosten wird, steht zwar noch nicht fest. Doch viel mehr als 100.000 Dollar darf GM dafür nach dieser Ansage nicht auf das Preisschild schreiben.

Zum König der Kraftmeier wird die Flunder dank eines Kompressors, der den kleineren der beiden verfügbaren V8-Motoren im Corvette-Programm zum stärksten Serienmotor in der GM-Geschichte macht. Klein ist dabei allerdings relativ - schließlich hat auch dieser Small-Block stattliche 6,2 Liter Hubraum. Mit einer Literleistung von exakt 100 PS, einem maximalen Drehmoment von 823 Nm und einem besseren Leistungsgewicht als Porsche 911 GT2, Ferrari 599 oder Lamborghini LP 640 dürften die Fahrleistungen entsprechend attraktiv sein.

Erste Serien-Corvette, die 320 km/h übertrifft

In Zaum gehalten von einem verstärkten Sechsgang-Schaltgetriebe und auf die Straße gebracht über die 335er-Gummiwalzen auf den 20 Zoll großen Hinterrädern wird der Motor den Wagen in weniger als fünf Sekunden auf Tempo 100 katapultieren, versprechen die Amerikaner und stellen gleich noch einen weiteren Superlativ in Aussicht. "Wir erwarten, dass die ZR1 als erste serienmäßige Corvette die 200-Meilen-Grenze durchbricht", sagt Peper. Damit avisiert der Chef ein Spitzentempo jenseits von 320 km/h – die Tacho-Skala reicht für alle Fälle schon mal bis 370.

So imponierend das beim Benzingespräch am Tresen auch sein mag, viel haben wird der Corvette-Fahrer im Mutterland des Tempolimits davon nicht. Damit der Geltungsdrang auch ohne Vollgas befriedigt wird, gibt es ein messerscharfes Design, mit dem man das Modell ZR1 bereits auf den ersten Blick von jeder anderen Corvette unterscheiden kann. Das Auto kauert noch tiefer auf der Straße, bekommt einen größeren Kühler und eine riesige Hutze, tiefere Kiemen in der Flanke und einen im Windkanal nachgeschliffenes Heck. Glanzstück der Show ist ein Fenster in der Karbon-Motorhaube, das den Blick auf den Motor freigibt.

Viper als Straßen-Renner, Shelby Mustang mit 540 PS

Viper-Fans wird die neue Corvette zwar wurmen, und vielleicht ist sie auch Chrysler-Entwicklungschef Frank Klegon ein Dorn im Auge. Doch anmerken lässt er sich davon nichts. Natürlich gebe es dieses prestigeträchtige Duell, in dem jeder gerne die Nase vorne habe, gibt er zu Protokoll. Doch ein Wettrüsten wird es – zumindest vorerst – nicht geben. "Jetzt sind mal wieder die anderen dran", sagt er. Zumal die Viper die Retourkutsche der Corvette zumindest optisch parieret. Denn noch bevor die ZR1 im Sommer an den Start geht, wird Dodge eine Viper-Rennversion mit Straßenzulassung lancieren. Der American Club Racer (ACR) mit nahezu perforierter Motorhaube, kleinen Karbonflügeln in der Frontschürze und verstellbarem Aero-Tresen am Heck sieht noch böser aus – und ein paar Kilo leichter ist er obendrein.

Obwohl das Rennen um den Thron der US-Sportwagen eine prestigeträchtige Sache ist, scheidet Ford als Dritter im Bunde bei dieser Raserei aus. Die limitierte Produktion des 550 PS starken Ford GT geht dem Ende entgegen, ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Stattdessen setzt der Konzern auf den Mustang, der den Markt der Muscle-Cars dominiert. Dass auch dort immer stärkere Versionen aufgelegt werden, ist nicht zuletzt ein Verdienst von Tuning-Legende Carol Shelby. Der Vater der legendären Cobra hat in dieser Woche, pünktlich zu seinem 85. Geburtstag, die Produktion des Mustang GT 500 KR gestartet. Mit 540 PS starkem V8-Motor ist er der stärkste Serien-Mustang aller Zeiten, das Kürzel KR steht folgerichtig für "King of the Road". Wenn Mister Shelby bis zu seinem 90. weiter so an der Leistungsschraube dreht, könnte es für Viper und Corvette doch noch eng werden.

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