Designstudien Vom Showstar zum Staubfänger
New York - Designstudien gehören zu den Glanzlichtern jeder Automesse. Zum großen Teil besteht dieser Reiz jedoch auch in der Vergänglichkeit der Exponate. Während man allen Serienneuheiten irgendwann auf der Straße begegnet, gibt es mit den Studien oft kein Wiedersehen - in aller Regel werden Designstudien sehr schnell vom Showstar zum Staubfänger in Werksgaragen oder Automobilmuseen. Einige Designobjekte allerdings feiern nach ihrer Auszeit auch wieder ein großes Comeback - und zwar als Serienmodell.
"Für uns haben Showcars gleich mehrere Funktionen", sagt Jeep-Designchef John Sgalia, dessen Abteilung mit dem Jeep Hurricane einen der Stars der jüngsten Motorshows auf die Räder gestellt hat. "Einerseits motivieren solche Projekte unser Team und fördern im internen Wettbewerb die Kreativität", sagt Sgalia. "Und zum anderen bringen sie die Marke ins Gespräch und unterstreichen die Kernwerte, selbst wenn sie wie der Hurricane nie für die Serie gedacht sind."
Trotzdem wird laut Sgalia kein Showcar nur für den Spaß an der Freude gebaut. Vielmehr seien diese Designstudien ein ideales Mittel, um Details künftiger Serienmodelle auszuprobieren und die Reaktionen des Publikums zu testen. So gibt etwa der im Januar in Detroit gezeigte Jeep Gladiator nach Informationen aus Unternehmenskreisen das Gesicht des nächsten Wrangler vor. Und wer den Jeep Compass betrachtet, kann daraus nach Angaben aus dem Designteam mit etwas Phantasie das künftige Einstiegsmodell der Marke ableiten.
Audi-Studien haben gute Chancen
Auch die von Audi in Detroit enthüllte Studie des Allroad Quattro hat kaum Chancen auf eine lange Karriere im Rampenlicht. Schließlich wird nach den Angaben von Audi-Chef Martin Winterkorn nun die Serienfertigung des Geländekombis vorbereitet. "Natürlich sind Studien erst einmal für den Aha-Effekt auf den Messen gemacht. Doch haben wir mit Konzepten wie dem Allroad Quattro meist sehr viel mehr vor", heißt es bei Audi.
So wurde aus dem AL2 der A2. Der im Jahr 2004 gezeigte Pikes Peak wird in diesem Herbst zum Geländewagen Q7, auch die Chancen für die IAA-Studie Le Mans stehen angeblich nicht schlecht. Anschließend gibt es mit etwas Glück für die Studien einen Platz auf dem Paternoster im Museum mobile in Ingolstadt, wo Audi die wichtigsten Designstudien der vergangenen Jahrzehnte präsentiert.
Mit dieser Perspektive haben die Audis weit bessere Aussichten als etwa der Sportwagen Firepower, den Chrysler in Detroit präsentiert hat. Während die meisten deutschen Hersteller zumindest einige ihrer Designstudien in ihren Werksmuseen ausstellen, kommen die Showcars der amerikanischen Mercedes-Schwester nach Angaben von Pressesprecher Rolf Glaser nach ihrer aktiven Dienstzeit und einer Tournee über verschiedene Motorshows in eine geschlossene Sammlung. In Auburn Hills in den USA gibt es deshalb nach seinen Angaben eine große Halle, in der Studien aus mehr als fünf Jahrzehnten gehegt und gepflegt werden. "Aber Normalsterbliche kommen dort eigentlich nie hinein."
Einen nicht ganz so traditionsbewussten Umgang pflegt dagegen ganz offensichtlich Ford mit den dreidimensionalen Entwürfen der Designabteilung. Zumindest der Mutterkonzern in den USA trennt sich immer wieder einmal bei Auktionen von einigen seiner Konzeptfahrzeuge. So wurden nach Angaben des Unternehmens zum 100. Firmengeburtstag im Jahr 2002 mehr als 50 Concept Cars für einen guten Zweck versteigert: "Es ist allemal besser, solche Autos an leidenschaftliche Sammler zu verkaufen, die unsere Schätze würdigen können, als sie in einem Lagerhaus verfallen oder sie gleich verschrotten zu lassen", sagt Ford-Designchef J. Mays.
An Nachschub herrscht bei Ford kein Mangel. Schließlich hat der Konzern allein auf der Messe in Detroit rund ein halbes Dutzend neuer Showcars wie den Shelby GR-1> oder den Synus ins Rampenlicht gerollt.
Um die Verschrottung und andere Schläge für die rollenden Schmuckstücke auf jeden Fall zu verhindern, hat Jaguar eine in der Branche einzigartige Lösung gefunden: Laut Pressesprecherin Andrea Leitner-Garnell werden viele Designstudien schon kurz nach ihrer Messepremiere dem Jaguar Daimler Heritage Trust (JDHT) überschrieben. Die privat geführte, vom Unternehmen unabhängige Stiftung kümmert sich außerdem um Oldtimer, Sportwagen und andere seltene Fahrzeuge der Luxusmarke.
So wird auch das in Detroit enthüllte Advanced Lightweight Coupé vielleicht noch auf der IAA in Frankfurt der Serienfassung des neuen XK zur Seite gestellt. Doch spätestens dann wartet eine gut geheizte und sicher bewachte Garage in Coventry, zu der selbst Chefdesigner Ian Callum nur mit Erlaubnis des JDHT Zutritt hat: "Zwar müssen sogar wir dann dafür bezahlen, wenn das Unternehmen ein solches Fahrzeug später noch einmal ausstellen will", sagt die Sprecherin. Doch dafür sind die Studien für immer aus der Schusslinie, falls das Unternehmen die Showcars einmal zu Geld machen wollte.
Thomas Geiger, gms