Deutsche Autoindustrie: Und sie bewegt sich doch - DER SPIEGEL
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Deutsche Autoindustrie Und sie bewegt sich doch

Hybridautos ignoriert, bei Elektroantrieben getrödelt: Lange sah die deutsche Autoindustrie bei Zukunftstechnologien ziemlich alt aus. Inzwischen haben Daimler und Konsorten ihre Ingenieursarmada in Gang gesetzt - und ein ordentliches Wendemanöver hingelegt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Niemand wird gerne überholt, schon gar nicht deutsche Automanager. Umso erstaunlicher ist es, wie lange sich Daimler-Chef Dieter Zetsche oder VW-Lenker Martin Winterkorn das Treiben in Übersee anschauten, bevor sie das Gaspedal durchtraten.

Erst zogen die Japaner vorbei. Von ihnen wurden Deutschlands Autokonzerne in den vergangenen Jahren bei einigen Schlüsseltechnologien abgehängt. Toyota etwa verkauft seit über zehn Jahren den Prius - ein Auto, das zusätzlich zum Ottomotor einen Elektroantrieb besitzt. Eine Million Fahrzeuge sind weltweit bereits auf der Straße. VW, BMW und Daimler haben nichts derartiges. Das ging noch. Als dann aber auch Amerikaner und Chinesen zum Überholmanöver ansetzten, waren die deutschen Automanager schwer irritiert.

Plötzlich machen alle auf elektrisch

Beide Nationen galten ihnen eigentlich nicht als ernstzunehmende Wettbewerber. Die Analyse mag zwar für herkömmliche Pkw zutreffen. Bei Elektroautos sieht die Sache anders aus. Der chinesische Autobauer Build Your Dream (BYD) etwa verkauft schon heute ein Hybridauto und hat für 2009 diverse Elektroautos angekündigt. US-Riese General Motors will 2010 den Chevrolet Volt auf den Markt bringen, das weltweit erste Großserien-Elektrofahrzeug.

"Das hehre Ziel ist, Emissionen zu vermeiden", sagte GM-Produktchef Bob Lutz. "Das weniger hehre Ziel lautet, Toyota eins in die Fresse zu geben". Solch martialische Sprache ließ die Branche aufhorchen. Seit klar ist, dass GM mit dem Volt Ernst macht, hat ein Ankündigungsmarathon eingesetzt. Ob Renault, Chrysler oder Mitsubishi - plötzlich erklärte jeder Hersteller, 2010 stünden Elektrofahrzeuge bereit.

Alle außer den deutschen Herstellern.

Deren Ankündigungen klingen vergleichsweise bescheiden. VW kann sich einen sogenannten Plug-In-Hybrid (PHEV), ein Hybridauto mit Steckdose, ab 2015 vorstellen - fünf Jahre nach dem Volt. BMWs Mini E wird demnächst einem Feldtest unterzogen - und dann? Schaun mer mal. Ein Datum für die Serienfertigung gibt es nicht. Ähnlich verhält es sich mit dem Daimler-Projekt Blue Zero. Die Stuttgarter möchten die B-Klasse elektrifizieren. Aber wann wird man sie kaufen können? Dazu sagen die Schwaben vorerst nichts.

No net hudle

Dennoch sieht es für die deutschen Hersteller auf den zweiten Blick gar nicht so übel aus. Noch im Mai dieses Jahres musste Daimler-Finanzchef Bodo Uebber zwar einräumen, man sei "vielleicht ein bisschen spät dran". Inzwischen aber haben VW, Mercedes und BMW größere Feldversuche gestartet und sind fest entschlossen, sich nicht wieder abhängen zu lassen. Daimler etwa, der europäische Konzern mit dem größten Forschungs- und Entwicklungsbudget, kann eine ganze Armada von Ingenieuren auf das Thema ansetzen.

Montage bei Opel in Rüsselsheim: Lange ließen die deutschen Hersteller Elektroantriebe links liegen - nun treten sie aufs Gas.

Montage bei Opel in Rüsselsheim: Lange ließen die deutschen Hersteller Elektroantriebe links liegen - nun treten sie aufs Gas.

Foto: DPA

Zudem sind Zweifel an vielen der derzeit kursierenden Produkt-Ankündigungen angebracht. GMs Volt fährt zwar als Prototyp bereits - ob der Konzern aber 2010 noch existiert, ist keineswegs sicher. Und bei manchem anderen Hersteller sind die kommunizierten Termine wohl eher Wunschdenken der PR-Strategen. "Wenn sie mit den Ingenieuren bei diesen Autokonzernen sprechen, dann sind die verzweifelt, weil das Marketing derart unrealistische Termine in die Welt gesetzt hat", sagt ein Entwickler.

Einige der angekündigten Fahrzeuge werden wohl 2010 irgendwie fahren - aber nicht unbedingt dem entsprechen, was der Kunde sich unter einem qualitativ hochwertigen Automobil vorstellt. Ein gutes Beispiel dafür ist das US-Elektroauto Tesla Roadster. Der Flitzer ist einsatzfähig - das Interieur gemahnt indes an händische Laubsägearbeiten. Und wie lange die Akkus durchhalten, weiß auch niemand.

Die Finanzkrise als Ausrede?

Zumindest deutsche Autokäufer dürfte so etwas abschrecken. Die Elektroautos größerer Hersteller sehen natürlich professioneller gefertigt aus als der Tesla - aber auch sie haben ein Problem: "Das Gros der derzeit herumfahrenden Elektroautos hat Manufakturcharakter", sagt Wolfgang Bernhart, Automobilexperte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. "Serienproduktion in großer Stückzahl, das ist die wirkliche Herausforderung."

Gut möglich also, dass in den kommenden Wochen und Monaten der eine oder andere Starttermin wieder kassiert wird - vermutlich mit Hinweis auf die tobende Finanzkrise oder die Pleite eines wichtigen Zulieferers. Dann sähen die deutschen Autohersteller mit ihrer heute konservativ erscheinenden Planung nicht mehr so schlecht aus.

Immerhin ist es ja ein deutscher Autohersteller, der den weltweit wohl ersten, halbwegs ausgereiften PHEV präsentierte - auch wenn das weitgehend unbekannt ist. Es handelt sich um einen an der Steckdose aufladbaren Sprinter von Mercedes. Vorgestellt wurde der Bus auf der Nutzfahrzeugmesse IAA in Hannover - im Jahr 2004.