Täglich unterwegs Deutschlands Pendlerproblem - und was helfen würde
Für gut zwei Drittel aller Berufspendler ist das Auto immer noch das Transportmittel Nummer eins. Reinsetzen, losfahren, an der Arbeitsstätte wieder aussteigen. Bequem einerseits, für Städte und Kommunen in Zeiten erhöhter Stickoxidbelastungen aber problematisch. Fahrverbote drohen, die auch das Auto-Pendeln erheblich einschränken würden. Wie also soll es weitergehen? Wie pendeln wir in Zukunft?
Die Vision: Per Smartphone gibt der Nutzer nur noch Start- und Zielpunkt seiner Reise an und eine App zeigt anschließend die beste Route inklusive aller Verkehrsmittel - egal ob Fahrrad, Elektroroller oder Car-Sharing-Fahrzeug - an. Die Kosten sind transparent und werden ebenfalls via Smartphone abgerechnet. Ein eigenes Auto braucht man nicht mehr.
So ähnlich sieht es auch Volkswagen. Wie es künftig von A nach B gehen könnte, zeigt der Autobauer mit seinem neuen Ride-Pooling-Dienst Moia, eine Art moderner Fahrgemeinschaft. Über eine App kann der Fahrgast ein Shuttle ordern und sich an ein beliebiges Ziel befördern lassen. Auf dem Weg dorthin berechnet ein Algorithmus, welche Fahrgäste eine ähnliche Route haben und auf der Fahrt eingesammelt werden könnten. Der Vorteil: Leerfahrten würden vermieden, es säßen mehrere Personen in einem Fahrzeug und weniger Autos wären auf den Straßen. Noch in diesem Jahr soll der Fahrdienst an den Start gehen.
Es fehlt die digitale Infrastruktur
Aber um die Pendlerströme effektiv begrenzen zu können, braucht es noch mehr als einzelne Fahrdienstleistungen. Gefragt sind in Zukunft sogenannte multimodale Verkehrskonzepte, also die intelligente Verbindung aller verfügbaren Verkehrsmittel. Reisende legen sich dann nicht mehr nur auf ein Verkehrsmittel fest, sondern können je nach Strecke und individuellen Kriterien ein für sie geeignetes Verkehrsmittel auswählen. Doch davon ist man in Deutschland noch weit entfernt.
Das Problem: die mangelhafte digitale Infrastruktur. Damit der Nutzer reibungslos zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln wechseln kann, braucht es ein einheitliches Bezahlsystem und eine Vernetzung der einzelnen Mobilitätsanbieter. Verkehrsbetriebe, Car-Sharing-Anbieter oder On-Demand-Fahrdienste wie Moia oder Uber müssten auf einer einzigen Plattform vereint sein, um dem Kunden den Komfort bei der Reiseplanung zu bieten, die ihn umsteigen bzw. aus seinem Auto aussteigen ließe.
Und genau diese Vereinheitlichung ist bislang die große Hürde. "Die Digitalisierung ist unsere große Chance. Sie kann uns helfen, die heute schon zahlreichen Angebote von Mobilität sinnvoll miteinander zu vernetzen", sagt Alexander Möller, Geschäftsführer des ADAC. "Leider hängt Deutschland mit diesem Plattformgedanken aber noch weit hinterher."
Vorbild Helsinki
Anders sieht es in Finnlands Hauptstadt Helsinki aus. Geht es nach der Stadtverwaltung, soll dort bis 2025 niemand mehr ein eigenes Auto brauchen. Dahinter steckt die Initiative "Mobility as a Service" (MaaS) und die Idee, den privaten Pkw durch die Vernetzung von Bikesharing, Carsharing, ÖPNV und Taxis obsolet zu machen. Erreicht werden soll das durch ein flächendeckendes Angebot an Sharing-Diensten. So gibt es bereits jetzt fünf verschiede Car-Sharing-Dienste in der Stadt - Tendenz steigend. Über Apps wie "Whim" oder "Tuup" sind die zahlreichen Sharing-Anbieter in Helsinki außerdem miteinander vernetzt und lassen sich bequem über das Smartphone miteinander kombinieren.
Ähnliche Entwicklungen sind hierzulande auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Dabei ist die mangelhafte digitale Infrastruktur aber nur ein Grund dafür, dass Deutschland eine Pendlerhochburg ist. Dass viele Arbeitnehmer sich überhaupt ins Auto respektive in Bus oder Bahn setzen müssen, um zur Arbeit zu kommen, liegt daran, dass viele von ihnen außerhalb der Ballungszentren wohnen. In Städten wie Hamburg, Berlin, Frankfurt oder München sind die Mieten für viele Menschen schlicht zu hoch.
Hohe Mieten, mehr Pendler
"Hier müssen die Anstrengungen der Politik verstärkt werden, um dort, wo sich die attraktiven Arbeitsplätze konzentrieren, nämlich in den Ballungskernen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen", sagt Thomas Pütz vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung (BBSR). Neben geringeren Mietpreisen sieht Pütz aber noch einen weiteren Stellhebel, um die Zahl an Pendlern kontrollieren und bestenfalls minimieren zu können, und der hat mal wieder etwas mit Digitalisierung zu tun.
"In Zukunft wird es wichtig sein, sich mit den Auswirkungen des Pendelns zu beschäftigen und physische Mobilität durch digitale Mobilität zu ersetzen", meint Pendlerexperte Pütz. Im Klartext: Künftig sollen Arbeitgeber ihren Beschäftigten es dort, wo es möglich und sinnvoll ist, ermöglichen, von zu Hause aus zu arbeiten. Sie sollen ihnen die entsprechende digitale Infrastruktur bieten, um nicht jeden Tag ins Büro fahren zu müssen.
Fest steht erst mal, dass sich am Pendelvolumen nicht viel ändern wird. Die anhaltend gute Konjunkturlage bringt viele neue Arbeitsplätze mit sich, erhöht gleichzeitig aber die Anzahl derer, die von zu Hause ins Büro fahren müssen. Dass die Pendler weniger werden, steht also nicht in Aussicht.
Ohne Vision aber in guter Absicht
Es fehlen außerdem politische Ambitionen und Anreize, die das Pendlerproblem lösen könnten. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise die Einführung einer City-Maut, mit deren Einnahmen der Ausbau des öffentlichen Nah- und Radverkehrs subventioniert werden könnte. Von derartigen Ambitionen hörte man bislang aber noch nichts. "Deutschland hat - anders als die meisten anderen Länder auf der Welt - keine Vision der Mobilität von Morgen. Die Frage ist doch: Was muss diese Mobilität gewährleisten und wie sieht sie eigentlich aus?" sagt ADAC-Geschäftsführer Möller.
Diese Frage zu beantworten, wird nun Aufgabe der neuen Großen Koalition sein. Immerhin gibt es eine Absichtserklärung im Koalitionsvertrag, in dem von der Einführung eines bundesweiten e-Tickets die Rede ist. Damit könnten die Bürger dann sämtliche öffentliche Verkehrsmittel mit nur einer Fahrkarte und einem Bezahlmodell nutzen. Wörtlich heißt es: "Wir wollen, dass Mobilität über alle Fortbewegungsmittel (z.B. Auto, ÖPNV, E-Bikes, Car- und Ride-Sharing, Ruftaxen) hinweg geplant, gebucht und bezahlt werden kann und führen deshalb eine digitale Mobilitätsplattform ein, die neue und existierende Mobilitätsangebote benutzerfreundlich miteinander vernetzt." Die genervten Pendler dürfen also hoffen.