Innovationen bei Sicherheitsgurten: Ausgefahren!
Innovationen bei Sicherheitsgurten Aufgeblasener Lebensretter
Der Sicherheitsgurt rettet täglich Menschenleben und ist trotzdem nicht besonders beliebt - viele Autofahrer empfinden das Anschnallen immer noch als Last. Dabei bietet kaum eine andere Einrichtung im Fahrzeug besseren Schutz bei Unfällen als der Gurt. Die Entwickler sehen in ihm aber noch ungenutztes Potential und feilen weiter an dem Halteband. Bestes Beispiel: Die Kombination von Sicherheitsgurten und Airbags.
Ab diesem Jahr wird die Gurt-Airbag-Kombination in Serienmodellen verfügbar sein - allerdings nur für die Passagiere auf der Rückbank. Die können schließlich bisher noch nicht darauf vertrauen, dass sich bei einem Unfall ein luftgefülltes Poster vor ihnen ausbreitet. In den USA ist dieses Prinzip schon fast ein alter Hut: Ford bietet die Technologie dort seit 2010 als Extra für das Modell Explorer an. In Deutschland wird das System nun in der neuen S-Klasse von Mercedes ihr Debüt feiern. Auch der neue Ford Mondeo, der voraussichtlich 2014 auf den Markt kommt, wird damit ausgerüstet sein.
Bei Ford heißt die Neuerung einfach Gurt-Airbag, Mercedes hat sein System Beltbag getauft. Die Idee dahinter ist identisch: Kommt es zum Unfall, entfaltet sich ein in den Gurt integriertes Polster und wird mit Luft gefüllt. "Dadurch verbreitert sich die Auflagefläche des Gurtbandes deutlich und verteilt die auftretenden Kräfte über eine größere Körperfläche", erklärt Hans-Otto Kock, Gurtsystem-Spezialist bei dem Zulieferer Autoliv .
Das Anschnallen funktioniert wie bei herkömmlichen Gurten. Allerdings fühlt sich das Material anders an: Durch den integrierten Luftsack wirkt es wie gepolstert. Neben der Kombination der Vorteile von Gurt und Airbag spielt der Komfort eine wichtige Rolle, erklärt Kock. Bequemere Gurte werden einfach bereitwilliger genutzt.
Leuchtende Schlösser
Bei der Kreuzung von Luftsack und Gurt will es zumindest Mercedes nicht belassen. In der neuen S-Klasse haben die Stuttgarter deshalb die Gurtschlösser in der Rücksitzbank mit kleinen Elektromotoren ausgestattet. Die sogenannten aktiven Gurtschlösser surren aus ihren Verstecken hervor und beginnen zu leuchten, sobald ein Passagier durch die Fondtür einsteigt.
Sinn des Schauspiels: Die Gurtschlösser machen sozusagen auf sich aufmerksam und sind durch das Herausfahren auch leichter erreichbar. Das soll die Anschnall-Lust der Insassen steigern. Außerdem sind die kleinen Motoren mit einer Sensorik verbunden, die Unfallgefahren wittert. Bei einem drohenden Crash straffen sie die Gurte bereits vor dem Aufprall und sorgen für besseren Halt.
Mit den Motörchen kann aber auch noch ein anderes Problem der Gurtstraffer gelöst werden. Denn bislang werden die Straffer - wie Airbags auch - überwiegend pyrotechnisch gezündet. Das funktioniert aber nur ein einziges Mal, nach der Zündung ist teurer Ersatz fällig. Diesen Nachteil gibt es beim sogenannten reversiblen Gurtstraffer nicht, weil die Pyrotechnik durch Elektronik ersetzt wird. Das ermöglicht einen viel großzügigeren Einsatz des Sicherheitssystems, schließlich kann der Vorgang beliebig oft wiederholt werden.
Schluss mit der Pyrotechnik
Bis 2020, so Kock, will man ganz auf Pyrotechnik bei Gurten verzichten können und die kompletten Systeme elektronisch steuern. Schneller geht es seiner Ansicht nach mit der Verbreitung einer weiteren Sicherheitsfunktion voran, die den Gurt in Zukunft verbessern soll: die adaptive Kraftbegrenzung. Dabei passt der Gurt mit Hilfe der Elektronik seine Rückhaltekraft individuell der Größe und dem Gewicht des Passagiers an.
Es wird aber nicht nur an der Sicherheit, sondern auch am Komfort getüftelt, zum Beispiel an Gurten mit integriertem Mikrofon für die Freisprechanlage. All das wird in absehbarer Zeit in die automobile Realität einziehen.
Bei einer Sache beißen die Entwickler jedoch auf Granit: Es gibt da nämlich noch die Idee vom "Gurt als Seidenkrawatte". Dahinter steckt laut Kock der Gedanke, mit neuen Materialien das Tragegefühl des Gurtbandes zu verändern, es zu etwas Weichem und Angenehmem zu machen. Nur findet sich kein Autobauer, der das seinen Kunden anbieten will: Für einen plüschigen Gurt, so die Überzeugung der Hersteller, bezahlt kein Mensch einen Aufpreis.