Digitale Autorennbahnen Spektakuläre Crashes, digitale Pit-Stops
Bad Münstereifel/Nürnberg - Gas geben, bremsen. Gas geben, bremsen. Immerzu. Mini-Rennwagen mit einem Affenzahn über schlitzgeführte Bahnen zu jagen, ist ein Konzentrationsspiel. Es kommt darauf an, sich im Maßstab 1:32 ans Limit zu wagen: Entweder fliegt der Flitzer aus der Kurve, oder man schafft einen neuen Rundenrekord. Mit Ninco bringt nun der Letzte der vier großen Hersteller eine digitale Autorennbahn auf den Markt.
Digitales Slot-Racing - so der Fachbegriff - sei vor allem für Neueinsteiger eine interessante Alternative, sagt der Modellrennbahn-Experte Alexander Ehl. Er ist Herausgeber der in Bad Münstereifel (Nordrhein-Westfalen) erscheinenden Slot-Racing-Zeitung " Car-On-Line". Die Digitalisierung verändere das Hobby, was nicht bei jedem alten Hasen auf Begeisterung stoße. Anders als beim Analogsystem ist bei digitalen Rennbahnen das Wichtigste die Taktik. Fast wie im echten Motorsport.
"Beim Analogsystem fährt jeder auf seiner eigenen Spur", erläutert Ehl. Wer an der Spitze liegt, müsse zusehen, dass er die Verfolger mit möglichst guten Rundenzeiten auf Distanz hält. Sie beschäftigen sich viel mehr mit der Fahrdynamik des eigenen Autos. "Man wird von Konkurrenten weniger gestört und kann leichter an die Grenzen eines Fahrzeugs gehen."
Slot-Racing digital: Taktieren wie die Profis
Bei Digitalbahnen können hingegen mehrere Autos dieselbe Spur nutzen. Man kann sich dem Konkurrenten vor die Nase setzen und ihn notfalls von der Strecke drängeln. Noch mehr Varianten bieten sich, wenn eine Boxengasse mit ins Spiel kommt: Vor dem Rennen lässt sich dann für die Autos eine fiktive Tankmenge festlegen. Geht der Sprit zur Neige, wird der Fahrer aufgefordert, einen Tankstopp einzulegen. Andernfalls schleicht sein Bolide (Sportwagen) zwei Runden später nur noch über die Piste.
Möglich werden solche Manöver, weil die Autos bei Digitalbahnen mit Hilfe eines Computerchips individuell gesteuert werden. Der sichtbare Unterschied zwischen einer Analogbahn und einer Digitalbahn sind die in die Strecke eingebauten Weichen, die das Wechseln der Fahrspuren erlauben. "Solche Bahnen sind interessant, wenn man nicht so viel Platz zur Verfügung hat und trotzdem gerne mit möglichst vielen Autos gleichzeitig fahren möchte", sagt Alexander Ehl.
In diesem Punkt unterscheiden sich die Bahnen der Hersteller: Beim Pro-X-System von Carrera können auf einer zweispurigen Strecke vier Fahrer gegeneinander antreten. Bei SCX und Scalextric sind es bis zu sechs, beim Ninco-Digitalsystem sogar acht.
Die Ninco-Bahn: Modular und integrationsfähig
Nincos Starterset "Digital Mastertrack" mit zwölf Metern Strecke, zwei Weichen Netzteil, Kontrolleinheit zur Zeit- und Rundenmessung sowie drei Digitaldecodern für die Wagen und drei Fahrtreglern kostet rund 450 Euro. Autos seien darin nicht enthalten, sagt der Importeur Marc Eicker aus Solingen, der die spanische Firma auf dem deutschen Markt vertritt. Man wolle dem Kunden die freie Auswahl lassen. "Die Wagen kosten im Durchschnitt rund 45 Euro."
Wer bereits Besitzer einer Ninco-Bahn ist, kann mit einem Umrüstset für 215 Euro das Digitalzeitalter auf seiner Piste einläuten. Der Einbau der Digitaldecoder in die Wagen ist nach Angaben von Marc Eicker einfach: Sie werden zwischen Motor und Leitkiel des Wagens geschaltet. Man müsse lediglich einige Kabel umstecken. "Vorteil unseres Systems ist, dass man jedes Auto, das Platz für einen Digitaldecoder bietet, umrüsten kann - egal ob es von Ninco, Carrera oder einem anderen Hersteller stammt."
Carrera und Scalextric: Action für Einsteiger und Profis
Carrera hat sein digitales Rennbahnsystem Pro-X in diesem Jahr um das DTM-Set "Touring Car Racing" für rund 230 Euro und das Paket " Speedway Racing" der Rennserie FIA GT für rund 300 Euro erweitert. Zu Letzterem gehören kabellose Fahrtregler, mit denen sich die Boliden von jeder Position entlang der Strecke steuern lassen. Den günstigsten Einstieg bietet das Pro-X-Set "Digital Racing" mit zwei Formel-Eins-Fahrzeugen und knapp sieben Meter Strecke für rund 200 Euro. Ein Nachrüstpaket für Carrerabahnen ist für etwa 140 Euro zu haben. Alte Analogwagen können nicht Pro-X-tauglich gemacht werden.
Bei Scalextric beginnt der Spurwechselspaß mit 186 Euro. Dafür gibt es das Set "Digital Ignition" mit 4,18 Meter Piste, zwei Sportwagen und nur einer Weiche. "Das ist eine etwas einfachere Version, die sich nicht programmieren lässt", sagt Kristian Kasper von Dickie-Tamiya in Fürth. Anders als bei den restlichen Scalextric-Digitalbahnen sei das Set nur für vier Wagen ausgelegt.
Sämtliche Möglichkeiten einer Digitalbahn bietet das Set "Triple Rivals" mit drei Autos, sechseinhalb Meter Strecke und einer Steuerstation mit zehn verschiedenen Rennvarianten. Das Set kostet 349 Euro. Für das "Conversion-Kit" zum Betrieb alter Bahnen verlangt Dickie-Tamiya rund 200 Euro. Wie Ninco gestattet auch Scalextric, Wagen anderer Hersteller digital zu betreiben. Das erforderliche Umrüstset kostet knapp 20 Euro.
SCX: Tanksimulation und Digitalisierungskit
"Ganz oder gar nicht", lautet das Motto beim spanischen Anbieter SCX, der vor vier Jahren als erster auf Digitalisierung setzte: "Sie haben entweder SCX-analog oder SCX-digital", sagt der SCX-Importeur Jörg Schamuhn in Elmshorn bei Hamburg. Auf Streckenteilen alter Analogbahnen können die Digitalflitzer nicht fahren. Der Grund sind ein anderes Stromleiter- und Stecksystem der Digitalschienen. Mit dem neuen DTM-Set "Basic" - drei Wagen, drei Fahrtregler und sechs Meter Strecke - kostet der Einstieg bei SCX-digital 249 Euro.
Das neue Set "Pitbox" (399 Euro) hat eine Tanksimulation am Start. Ebenfalls neu: ein Digitalisierungskit, mit dem aber nur SCX-Fahrzeuge umgerüstet werden können. Es kostet 16,90 Euro. Ganz so isoliert, wie das SCX-Digitalsystem auf den ersten Blick scheint, ist es nach Angaben von Jörg Schamuhn aber nicht: " Wenn man handwerklich geschickt ist, kann man damit auch Wagen anderer Hersteller digitalisieren."
Von Arnd Petry, gms