Ein-Liter-Auto Abschiedsgeschenk für Piëch
"Schon Mitte nächsten Jahres ist es möglich, ein solches Auto als Prototyp in der Testphase zu haben", vermeldet VW-Forschungsleiter Ulrich Eichhorn. Das wäre ein schönes Abschiedsgeschenk der Ingenieure an ihren Vorstandsvorsitzenden, bevor er Ende Dezember 2002 das Zepter an seinen Nachfolger übergeben wird.
Vier Räder, zwei Sitze hintereinander, zirka 15 bis 20 PS, maximal 400 Kilogramm Gewicht - so soll das Ein-Liter-Auto aussehen, an dessen Entwicklungskosten auch die EU zur Hälfte mit rund zehn Millionen Mark beteiligt ist. Der Clou dabei: Die Wolfsburger verzichten auf die zurzeit viel diskutierten Antriebsalternativen mit Wasserstoff, Erdgas oder Brennstoffzellen. Das Auto soll den Verbrauch von einem Liter pro 100 Kilometer mit konventionellem Treibstoff schaffen. "Das Entscheidende ist die Kombination eines verbesserten Motors mit Fortschritten in der Fahrzeugtechnik", sagt Eichhorn.
Schon beim Drei-Liter-Lupo gehe der Schritt von 4,5 Liter beim herkömmlichen Modell auf drei Liter Minimalverbrauch zu zwei Drittel auf den Motor und zu einem Drittel auf die Verbesserung des Fahrzeugs zurück. Deshalb verfolgt VW das Projekt des Ein-Liter-Autos auf zwei Ebenen. Geforscht werde an einem Motor, der mit synthetischem Designer-Benzin aus Erdgas läuft, sowie an einer aerodynamischen und gewichtsparenden Fahrzeugkonstruktion.
Auf den üblichen Komfort wird Konzernchef Ferdinand Piëch bei seiner Jungfernfahrt deshalb verzichten müssen. Um der Luft möglichst wenig Widerstand zu bieten, müssen sich die Insassen, wie zu Zeiten des ulkigen Messerschmitt Kabinenrollers aus den fünfziger Jahren, auf eine liegende Sitzposition einstellen. Auch der Einstieg soll wie im historischen Pendant durch eine aufklappbare Dachkuppel erfolgen. Leichtmetalle oder Verbundwerkstoffe im Karosserie- und Fahrzeugbereich helfen, das Gewicht auf maximal 400 Kilogramm zu drücken. Dabei sollen vor allem Magnesium und Kohlefaser eingesetzt werden.
Ob dieses Sparmobil jemals verkauft wird, ist allerdings offen. Einerseits treibt die Verwendung teurer Leichtbaumaterialien die Fertigungskosten in Höhe. Auch die Entwicklung eines Zwei-Liter-Autos von VW hatte Piëch bereits im vergangenen Jahr gestoppt, weil das Serienfahrzeug mit einem voraussichtlichen Preis von 60.000 Mark nicht verkäuflich gewesen wäre. Zum anderen muss auch beim synthetisch hergestellten Kraftstoff die großtechnische Gewinnung gesichert und an den Tankstellen bereitgestellt werden. "Dieser Aufbau dauert sehr lange", sagt VW-Ingenieur Eichhorn, "länger als für uns, das Ein-Liter-Auto einzuführen." Für VW ist das Auto darum auch weniger ein Serienprodukt als ein Technologieträger - und ein Abschiedsgeschenk an den scheidenden Vorsitzenden.