Elektroautos: Fürchtet euch nicht! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Elektromobilität: Das Problem ist in den Köpfen

Foto: dapd

Elektroautos Fürchtet euch nicht!

Alle 50 Kilometer muss getankt werden, sonst bleibt der Wagen stehen. Das ist ein Alptraum für Autofahrer - und eines von vielen Vorurteilen gegenüber Elektroautos. Eine neue Studie beweist: alles Unfug!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Auto, das ist Freiheit. Spontan von Hamburg nach München fahren, zu Freunden oder zur Angebeteten, kein Problem. Mit einem aktuellen Dieselfahrzeug muss man noch nicht mal zwischendurch zum Tanken raus. Einsteigen, losfahren, frei sein. Viel stärker als jedes Statusdenken ist es dieses Gefühl, das die Menschen mit dem Auto verbinden.

Ein Elektroauto ist (noch) das Gegenteil von Freiheit. Ein Cityflitzer mit 50 Kilometern Reichweite? Die meisten Menschen denken dabei eher an eine elektronische Fußfessel als ein Auto. Das ist einerseits verständlich, andererseits aber sehr auch irrational. Und weil genau diese Irrationalität die größte Hürde auf dem Weg zur Elektromobilität ist, hat der Autozulieferer Continental eine Studie in Auftrag gegeben, die mit der Unvernunft aufräumen soll.

Und tatsächlich hat das Marktforschungsinstitut Infas bei seiner repräsentativen Umfrage unter tausend Menschen im führerscheinberechtigten Alter Erstaunliches zutage gefördert. Zum Beispiel, dass eigentlich nur neun Prozent der Befragten unter keinen Umständen ein Hybrid- oder Elektroauto kaufen würden.

Gleichzeitig "haben die Menschen Angst, sich zum Sklaven des eigenen Autos zu machen", umschreibt Peter Säger, Leiter divisionsübergreifender Systeme bei Continental, die allgemein zögerliche Haltung der Kunden. Dabei zeigt die Befragung auf, wie selten die Menschen ihrem Freiheitsdrang tatsächlich Lauf lassen: Rund 90 Prozent der Pkw in privaten Haushalten in Deutschland legen weniger als 100 Kilometer am Tag zurück - eine Distanz, die selbst für die aktuelle E-Mobile-Generation problemlos zu bewältigen wäre.

Eine genauere Betrachtung der Statistik entlarvt außerdem, wie verpönt bei Deutschen die Nutzung anderer Verkehrsmittel wie Fahrräder oder des öffentlichen Nahverkehrs ist: Knapp 28 Prozent der Autos fahren sogar nur zwischen 10 und 25 Kilometer am Tag. Gleichzeitig stört es 72 Prozent der in Deutschland befragten Menschen, wenn sie ihren Wagen alle 150 Kilometer an die Steckdose hängen müssten.

Rationale Argumente dafür gibt es kaum. Laut der Studie stehen deutsche Autos meist nutzlos rum; tagsüber etwa durchschnittlich drei Stunden zu Hause (40 Prozent) oder im Schnitt sieben Stunden am Arbeitsplatz (14 Prozent). Dabei wäre die Energieversorgung zumindest am Wohnort oft unproblematisch. Schließlich geben 51 Prozent der Studienteilnehmer an, daheim über einen Stellplatz mit Stromanschluss zu verfügen. Und da steht der Wagen dann auch oft in der Nacht.

Fakt ist: Eine der beiden großen Barrieren für den Durchbruch der Elektromobilität existiert allein im Kopf der Kunden. Eine andere lässt sich leider nicht wegdiskutieren - die Kosten. Rund 26.800 Euro kostete 2011 nach Angaben des Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen ein neues Auto durchschnittlich in Deutschland. Dafür bekommt man zum Beispiel einen VW Passat in der Ausstattungsvariante Comfortline (27.300 Euro).

Ein E-Auto für das Geld muss man lange suchen. Schon der E-Kleinwagen Mitsubishi iMiev schlägt mit knapp 35.000 Euro zu Buche. Verantwortlich für die hohen Kosten ist vor allem der Akku. Der Lithum-Ionen-Speicher im iMiev beispielsweise verfügt über ein Kapazität von 16 Kilowattstunden. Aktuell kostet eine kWh in der Lithium-Ionen-Batterie rund 400 Euro.

Deshalb seien E-Autos je nach Kapazität zwischen 6000 und 10.000 Euro teurer als vergleichbare Modelle mit herkömmlichem Antrieb, sagt Jörg Grotendorst, verantwortlich für Strategie und Technologie bei Continental. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern, denn Experten prognostizieren, dass sich die Kosten für Speicherkapazität in den nächsten zehn Jahren lediglich halbieren.

Wenn sich die Elektromobilität durchsetzen, müssen also Ängste beseitigt und Anreize geschaffen werden - in erster Linie von der Politik. Denkbar wäre zum Beispiel ein Modell, das den Kauf eines Elektrokleinwagens zusätzlich zum normalen Verbrennerfahrzeug fördert. Zum Beispiel durch eine Steuerbefreiung der Cityflitzer und darüber hinaus kostenfreien Parkraum in den Innenstädten. Doch dazu kann sich der Staat bisher nicht durchringen - zu groß ist die Angst vor den Steuerverlusten.

Doch nur so, das zeigt die Studie, lässt sich Elektromobilität unters Volk bringen. Wenn die Leute sich ein Auto für umweltschonende Fortbewegung leisten können. Und eins für die Freiheit.