Elektronische Keilbremse: Weg mit der Hydraulik - DER SPIEGEL
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Elektronische Keilbremse Weg mit der Hydraulik

Die ersten Testautos mit elektronischer Keilbremse sind bereits unterwegs, Experten sind von ihrer Serientauglichkeit überzeugt. Der Automobilzulieferer Siemens VDO prognostiziert, dass das System in spätestens vier Jahren in den ersten Pkw erhältlich sein wird.
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"Die elektronische Keilbremse ist in den Punkten Dynamik und Verzögerung die beste von mir jemals gefahrene 'By-wire'-Bremse", sagt Professor Karlheinz Bill, der Mitherausgeber des Standardwerks "Bremsenhandbuch". Es sei faszinierend zu sehen, wie die "Kombination eines klassischen physikalischen Problems – die Anwendung eines Keils – mit moderner Regel-Elektronik eine Fahrzeugbremse möglich macht". Und anders als bei früher angedachten elektronischen Bremssystemen benötigt das von Siemens VDO vorgestellte System keine höhere elektrische Spannung, sondern kommt mit dem herkömmlichen 12-Volt-Bordnetz eines Autos aus.

Das Funktionsprinzip der neuen Bremse lässt sich ungefähr so erklären: Tritt der Fahrer aufs Bremspedal, wird wie bislang auch ein Bremsklotz gegen die Bremsscheibe gepresst. In diesem Fall aber ist der Bremsklotz mit einem Keil verbunden, so dass die Rotation des Rades und damit der Bremsscheibe die Keilwirkung verstärkt und damit die Bremskraft erhöht. Zwei kleine Elektromotoren wiederum sorgen dafür, dass der Bremsklotz nicht so stark gegen die Bremsscheibe gedrückt wird, dass das Rad blockiert.

Großer Vorteil: Es gibt keine Hydraulik mehr

"Das neue System", sagt Siemens-VDO-Sprecher Enno Pflug, "hat gleich mehrere Vorteile." Erstens mache es jedwede Hydraulik überflüssig, zweitens werde jedes Rad von der Steuerelektronik individuell und optimal verzögert, drittens werde das Bremsen dadurch "so komfortabel wie noch nie". Angeblich wird es auch sicherer. Die Verkürzung des Bremswegs aufgrund der kürzeren Ansprechzeit des Systems und wegen der maximalen Bremsleistung pro Rad werde "deutlich sichtbar reduziert", sagt Pflug. Um wie viele Meter genau sei allerdings noch ein Geheimnis der Entwickler.

Die Idee der elektronischen Keilbremse stammt von Bernd Gombert, dem ehemaligen Chef der Firma "Estop" im bayerischen Seefeld, die im vergangenen Jahr von Siemens VDO aufgekauft wurde. Heute ist Gombert dort in verantwortlicher Position beschäftigt – und für seine Urheberschaft des neuen Bremssystems erhält er nun die "Rudolf-Diesel-Medaille" des Deutschen Instituts für Erfindungswesen.

Einsatzbereich vom Kleinwagen bis zum Lkw

In den nächsten Jahren soll das neue, elektronische Bremssystem zur Serienreife entwickelt, noch weiter verkleinert und für die industrielle Fertigung vorbereitet werden. Die Bremse könne, so heißt es bei Siemens VDO, vom Kleinwagen bis zum Lkw eingesetzt werden. Angeblich werde der Hightech-Keil nicht teurer als die bisher übliche hydraulische Bremse. Und damit der Gesetzgeber das neue Bremsverfahren erlaubt, erhält jedes Fahrzeug mit einer solchen Bremse eine zweite Batterie, die Strom liefert und einspringt, falls das Bordnetz einmal ausfällt. Solange aber Energie da ist, könnten nach Firmensprecher Pflug "auch ungeübte Fahrer unter schwierigen Verhältnissen hervorragend bremsen".

Stephan Kraus, Sprecher des Automobilzulieferers Bosch, attestiert der elektronischen Keilbremse durchaus "Charme, weil sie ohne hydraulische Komponenten auskommt". Allerdings sehe man bei Bosch, wo ebenfalls an der "elektrischen Bremse auf Basis der Selbstverstärkung" gearbeitet werde, die Attraktivität des neuen Systems kritisch, denn, so fragt Kraus: "Wo ist der Nutzen für den Autofahrer, der den enormen technischen Aufwand und die Kosten dafür rechtfertigt?" Man sehe daher für noch mindestens zehn Jahre Bremsen mit herkömmlicher Technik, aber modernsten elektronischen Regelsystemen im Vorteil. Kraus: "Wir können bis auf weiteres alle Funktionen auch mit der konventionellen Technik darstellen."

jüp