Fahrgeräusche: Das Schweigen der Autos - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fahrgeräusche Das Schweigen der Autos

Schon heute senken Flüsterreifen, Schallschutzglas und neue Dämmstoffe den Lärmpegel im Auto erheblich. Wenn in Zukunft unter den Hauben Elektromotoren surren, ist es mit der gewohnten Klangkulisse vollends vorbei - vor allem Fußgänger müssen besser aufpassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie hat man sich ein Formel-1-Rennen im Jahr 2020 vorzustellen? Akustisch gesehen? Während heute Ohrenstopfen zu den unentbehrlichen Requisiten von Rennbesuchern gehören, werden dann womöglich nur noch von Brennstoffzellen gespeiste Elektroaggregate die Boliden antreiben. Statt des ohrenbetäubenden Lärms der hochdrehenden V8-Motoren würde man nur noch ein leises Rauschen hören, so als säße man neben einer Modelleisenbahn.

Vielleicht wird es noch etwas länger dauern, und vielleicht wird es auch nicht ganz so still werden. Doch wer einmal einem Forschungsfahrzeug wie dem Opel Flextreme (mit Elektroantrieb) oder dem Mercedes F-600 (mit Brennstoffzelle) gelauscht hat, hegt keinen Zweifel: Das Auto der Zukunft flüstert, und der Mensch muss seine Gewohnheiten ändern.

Schon jetzt hat das akustische Abrüsten begonnen. Denn auch Autos mit konventionellen Verbrennungsmotoren werden von den Entwickler immer leiser gemacht. Zwar beschäftigen die Fahrzeughersteller einerseits Hunderte von Ingenieuren, die sich wie Komponisten um den richtigen Motorsound bemühen. Doch andererseits werden vor allem störende Nebengeräusche zunehmend eliminiert.

"Natürlich will niemand in einem Sportwagen auf das heißere Röhren seines Sechszylinders und das Singen seines Kompressors verzichten", sagt Hans-Georg Marmit von der Sachverständigen-Organisation KÜS in Losheim. "Aber Wind- und Reifengeräusche oder das Pfeifen eines Lüfters braucht keiner." Dabei geht es nicht nur um Komfort, sondern auch um Sicherheit. "Ein hoher Geräuschpegel stört nicht nur das Wohlgefühl, sondern kann zum Stress werden und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen", sagt Entwickler Götz Renner.

Um das zu vermeiden, verwenden die Automobilhersteller und ihre Zulieferer zahlreiche Technologien, die ein Auto leiser machen können. Einen wichtigen Einfluss haben zum Beispiel die Reifen, die beim Abrollen auf der Fahrbahn ein deutlich vernehmliches Geräusch erzeugen. "Vor allem dank neuer Materialien, aber auch durch die Veränderung der Reifenprofile, ist dieses Geräusch in den letzten 20 Jahren um rund die Hälfte reduziert worden", sagt Continental-Experte Ernst-Ulrich Saemann. Für die Zukunft jedoch macht er wenig Hoffnung auf weiteren Fortschritt. Stattdessen sieht er die Straßenbauer in der Pflicht: "Eine Einflussgröße mit erheblicher Wirkung ist die Fahrbahnoberfläche; offenporige Flüsterasphalte könnten durchaus helfen, die Geräusche zu verringern."

Leisere Verbrennung, säuselnder Elektromotor

Einen Fortschritt haben die Entwickler auch bei den Motorengeräuschen selbst gemacht. "Noch vor zehn Jahren war ein Dieselmotor deutlich von einem Benziner zu unterscheiden. Heute ist das nicht mehr unbedingt der Fall", erläutert Klaus Wenzlawski aus der Entwicklung von Siemens VDO. Ein Rezept gegen das typische Nageln sei, die eingespritzte Kraftstoffmenge in mehrere kleine Portionen aufzuteilen. Schon heute sind drei Vor- und zwei Haupteinspritzungen möglich. Und in Zukunft sollen es noch mehr werden. So entsteht im Zylinder ein sanfterer Druckanstieg, mit dem laute Verbrennungsgeräusche unterbunden werden.

Während man selbst die modernsten Benziner und Diesel noch hören kann, könnte schon die nächste Autogeneration zumindest bei langsamer Fahrt vollends verstummen: Ganz gleich ob morgen mit Hybrid oder übermorgen mit Brennstoffzelle – auf jeden Fall steigt der Anteil jener Fahrten, bei denen das Auto nur von Elektromotoren angetrieben wird. Und die sind schon in wenigen Metern Entfernung nicht mehr hörbar. Bereits am Steuer solcher Forschungsfahrzeuge ist das ungewöhnlich. Doch wer etwa den Elektro-Opel Flextreme einmal als Passant erlebt hat, kann sich die Schrecksekunden lebhaft vorstellen, wenn das das Auto plötzlich um die Ecke geschlichen kommt und man allenfalls das leise Zischeln der Reifen hört.

Blindenverbände fordern deutlich hörbare Autos

Blindenverbände fürchten angesichts der zunehmenden Zahl von Hybridautos bereits um die Gesundheit sehbehinderter Menschen im Straßenverkehr, weil denen bei nahezu geräuschlosen Autos die Orientierung fehlt. Und Testfahrer solcher Fahrzeuge berichten aus dem Stadtverkehr von unaufmerksamen Passanten, welche die flüsterleisen Autos oft erst in letzter Sekunde wahrnehmen und dann häufig erschrocken reagieren. "Vielleicht", scherzt ein Entwickler von Mercedes, "kommen wir bald wieder dorthin, wo es mit dem Auto einmal anfing. Zu einem Fahnenträger und Warnrufer, der vor jedem Wagen herlaufen muss."

Ganz so wird es wohl nicht kommen. Und auch elektronische Geräuschgeneratoren, wie sie als Reaktion auf die Kritik von Blinden in den USA derzeit diskutiert werden, gelten als unwahrscheinlich. "Viel eher werden wir unsere Wahrnehmung schärfen", sagt Opel-Sprecher Andrew Marshall und verweist auf elektrisch fahrende Straßenbahnen oder die an Oberleitungen geführten Elektro-Busse, an die man sich auch gewöhnt habe. Außerdem, argumentiert Marshall, würden auch die britischen Milchmänner mit extra-leisen, elektrisch angetriebenen Lastern umher fahren. Das Beispiel überzeugt allerdings nicht. Vielleicht ist der Motor wirklich nicht zu hören, aber dafür klappern ja die Milchflaschen.

Mehr lesen über