Fahrrad-Mietsysteme Stundenweise radeln
Jeder kennt solche Situationen, in denen es um Minuten geht oder darum, bequem und schnell irgendwo hinzukommen. Eine Möglichkeit sind Mietfahrräder, die man sich für kurze Zeit oder tageweise ausleihen und danach einfach wieder abstellen kann. Damit bald es bald mehr davon gibt, wird das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung innovative Modellversuche mit Leihfahrrädern in den kommenden Jahren mit zehn Millionen Euro unterstützen. Bewerben können sich Städte und Verkehrsverbünde mit oder ohne private Partner. Und dabei geht es nicht nur darum, das Fahrrad zu fördern, sondern um mehr: um bessere Lebensqualität in Ballungsräumen.
"Sehr viele Menschen ziehen derzeit zurück in die Stadt", sagt Tilman Bracher, der beim Deutschen Institut für Urbanistik den Wettbewerb betreut - "und damit wächst die Bereitschaft, den Raum anders zu nutzen als ihn mit Autos zuzuparken." Dass die Leihsysteme funktionieren, zeigen Metropolen im Ausland: "Seit es zum Beispiel in Barcelona und Paris Mietfahrräder gibt, haben sich diese Städte deutlich verändert", sagt Bracher, "sie sind viel ruhiger und kommunikativer geworden. Ein neues Stadtverständnis ist entstanden." Kurz: Je mehr Räder, desto weniger Staus.
Auch in Deutschland gibt es bereits ein Netz von Mietfahrrädern. Neben regionalen Anbietern wie zum Beispiel in Offenburg oder Bottrop existieren zwei bundesweit agierende Systeme: Call a Bike, ein Service der Deutschen Bahn, und ein Projekt der Leipziger Firma Nextbike. Die Bahn stellt rund 6000 Räder bereit vor allem von Berlin, Frankfurt am Main, München, Köln, Stuttgart und Karlsruhe, bald wird Hamburg folgen. Dazu kommen Stationen an 31 ICE-Bahnhöfen. Nextbike ist vor allem in Leipzig, Berlin und Düsseldorf unterwegs und in zehn weiteren Städten mit einer kleineren Flotte präsent.
Rollende Werbefläche
Beide Systeme funktionieren vom Prinzip her gleich: Wer ein Fahrrad mieten will, registriert sich bei dem Anbieter per Telefon oder Internet und kann sofort losfahren, wenn ein Rad verfügbar ist. Wie das Fahrrad zurückgegeben wird, hängt vom Ort der Ausleihe ab: In manchen Städten muss das Rad an einer festen Station angeschlossen werden, im Falle von Call a Bike zum Beispiel einem Bahnhof. In anderen gibt es sogenannte Kerngebiete, innerhalb deren Grenzen das Rad an jeder Kreuzung stehengelassen werden kann, der Ort wird dann per Handy an die Zentrale durchgegeben. Bei Nextbike kostet eine Stunde Radeln ab einem Euro beziehungsweise ab 5 Euro pro Tag, Call a Bike berechnet jede Minute mit 8 Cent oder 9 Euro für 24 Stunden.
Der Unterschied zwischen den beiden Anbietern: Während sich die Bahn zum Großteil selbst und durch Zuschüsse finanziert, setzt die Leipziger Firma Nextbike auf Reklame. Am Rahmen ihrer Räder ist Platz für Werbeflächen, mit denen die Kunden dann gut sichtbar durch die Innenstädte radeln, durch Parks und vorbei an Cafés. "Kein Leihsystem ist ohne Zusatzeinnahmen wirtschaftlich", sagt Mareike Rauchhaus von Nextbike, "die Verleihgebühren tragen das nicht alleine." Schließlich müssen die vielen Räder nicht nur gewartet und repariert, sondern auch noch immer wieder aufgesammelt und an Plätze gebracht werden, an denen sie knapp sind.
Robust und auffällig gegen Vandalismus
Probleme mit Vandalismus und Fahrradklau gibt es dafür selten: "Natürlich tritt uns auch schon mal jemand eine Acht rein", sagt ein Sprecher der Bahn, "aber unsere Fahrräder sind so gebaut, dass man nichts abschrauben kann". Noch dazu sind die Räder beider Anbieter so auffällig, dass sie Diebe nicht weiterverkaufen können: Jeder Passant sieht an dem geschwungenen Radrahmen und an dem Körbchen vorne, wenn jemand mit einem Nextbike unterwegs ist, und der extravagante Gepäckträger der Callbikes ist ebenso unverkennbar. Genutzt wird das Angebot vor allem von Männern um die Dreißig. "Von Pendlern und Touristen", sagt Mareike Rauchhaus, "aber auch von jungen Leuten, die Nachts unterwegs sind." Und es werden immer mehr: 2008 wurden mit den Callbikes der Bahn mehr als 600.000 Fahrten unternommen, ganze 25 Prozent mehr als im Vorjahr.
2009 wird der Markt weiter wachsen - auch dank des Ideenwettbewerbs des Ministeriums. Dort wartet man nun auf innovative Konzepte. "Das könnte zum Beispiel ein einheitlicher Fahrausweis sein", sagt Tilman Bracher: "Ähnlich wie bei einer Fahrt mit der S-Bahn nach dem Umsteigen auch der Bus im Ticket enthalten ist, wäre das auch beim Fahrrad möglich." Mietsysteme enger mit dem öffentlichen Verkehr zu verzahnen - das ist die Herausforderung für die Städte. Wie viele gerade an Ideen arbeiten, weiß noch niemand - aber es scheint, als würde in einer Menge Verwaltungen gerade das große Rad gedreht: Alleine Nextbike führt derzeit mit mehr als 20 Kommunen Gespräche über Kooperationen.