Fahrbericht F 12 Berlinetta: Von null auf hundert mit einem irren Grinsen
Fahrbericht Ferrari F 12 Berlinetta Hier spielt die Musik
Beim Stichwort Ferrari muss ich immer an eine Unterhaltung mit einem Schrauberkollegen denken, die schon ein paar Jahre zurückliegt. Es war eine Nerd-Debatte über die Vorzüge verschiedener Ventilsteuerungen. Ich war ein Fan der in den meisten Ami-V8 eingebauten, hydraulischen Lösung. Die ist im oberen Drehzahlbereich unpräzise, dafür verlässlich und wartungsfrei. Er war ein Anhänger der mechanischen Lösung, bei der das Ventilspiel aufwendig per Hand eingestellt wird. Ich wollte ihn mit dem Schicksal eines Bekannten schachmatt setzen, der einen alten Ferrari 412 fuhr. Das turnusmäßig erforderliche, händische Einstellen der Ventile (ein V-12-Motor mit 24 Ventilen) riss ihm jeweils eine tiefe Schneise ins Budget.
Doch statt sich geschlagen zu geben, konterte mein Kollege: "Ein Ferrari-Motor ist wie eine Stradivari-Geige. Die will auch fein gestimmt werden - doch dann ist ihr Klang ohnegleichen."
Diese Aussage trifft in ganzer Wahrhaftigkeit auch auf den Ferrari F 12 Berlinetta zu. Die erste Begegnung mit der Stimmgewalt des Gran Tourismo gibt es beim Drücken des Startknopfes am Lenkrad. Von hinten erklingt ein Inferno, bevor der Zwölfzylinder in ein gleichmäßiges, hohes Sägen verfällt. Diese Ouvertüre ist zuerst irritierend, vor allem, wenn man den Wagen nicht in einer Tiefgarage anlässt, sondern im öffentlichen Raum, und schlagartig alle herstarren. Doch je länger man im F 12 fährt, desto mehr Sinn ergibt dieser Ausbruch zu Beginn jeder Fahrt. Otto-Motor, Verbrennungsmotor, es gibt viele Namen für den Viertaktmotor. Doch im Ferrari spürt man am ehesten diesen hier: Explosionsmotor.
Zickig beim Kaltstart - danke dafür!
Die deutschen Hersteller haben in ihrem Streben nach Perfektion das Entkoppeln von Mensch und Motor erreicht. Selbst in den Sportwagen von Mercedes, BMW, Audi oder Porsche fühlt es sich an, als wäre man durch eine dicke Wand aus Dämmstoffen vom Triebwerk getrennt. Der Klang dringt nur brummelnd ins Innere, der Tritt aufs Gaspedal ist selbst in den sportlichsten aller Einstellungen oftmals für einen Sekundenbruchteil der Tritt auf einen Wattebausch.
Das Gefühl, im Zentrum eines komplexen, mechanischen Vorgangs zu sitzen, bei dem Hunderte von Metallteilen sich mit aberwitziger Geschwindigkeit bewegen, ist verschwunden.
Im Ferrari ist es da. Nach dem Kaltstart bei winterlichen Temperaturen, wenn sich der Motor die ersten zwei, drei Minuten zickig zeigt mit kleinen, unmerklichen Aussetzern. Es macht sich bemerkbar in einer Vielzahl von Nebengeräuschen, dem Klickern, dem Klackern, dem rhythmischen Rasseln, die den Tanz der zwölf Kolben in den Zylinderlaufbahnen begleiten. Mit der feinen Vibration, die das Triebwerk im Standgas durch die Karosserie schickt.
Verwachsen mit einem Auto
Am allermeisten aber offenbart es sich im Klang des 6,3 Liter explosives Luft-Benzin-Gemisch fassenden, unwirkliche 740 PS starken Triebwerks. Man kann nur versuchen, diesen Klang mit Worten zu beschreiben. Das trockene Knurren bei niedrigen Drehzahlen, das sich, wie aus weiter Ferne kommend, bei steigender Drehzahl erst in ein Röhren wandelt und dann zu einem Kreischen aufschwingt, wie man es von Formel-1-Motoren kennt. Sobald man den Fuß vom Gaspedal nimmt, verstummen die Fanfaren, stattdessen erklingt das Bollern und Brabbeln unverbrannten Benzins, das sich in den heißen Rohren des Auspuffs entzündet.
Leichter lässt sich beschreiben, was diese virtuose Darbietung macht: glücklich. Selbst Autos gegenüber eher zweckmäßig eingestellten Menschen zaubert die Klangkulisse sofort ein Lächeln ins Gesicht, nicht wenigen entfährt ein ebenso unkontrolliertes wie spontanes "Geil!". Für Menschen wie mich, die in etwa wissen, wie ein Motor funktioniert und wie beschränkt letztlich die klanglichen Eingriffsmöglichkeiten sind, kommt zur Glückseligkeit noch Fassungslosigkeit hinzu: Wie zum Teufel ist so etwas möglich? Diese Vielfalt, diese Modulation der Töne? Es hat etwas von Zauberei. Porsche, BMW, Mercedes und Audi: Gegen das, was die Ingenieure von Ferrari einem Zwölfzylinder akustisch entlocken, produziert ihr nur Trecker-Sound, sorry.
Verbunden ist die eindrucksvolle Klangkulisse mit dem Gefühl, nicht nur durch ein Gaspedal, sondern direkt mit dem Motor verbunden zu sein. Der Wagen hängt so giftig am Gas, dass jede noch so kleine Fußbewegung große Oberkörperbewegung zur Folge hat. Schon Millimeter an Pedalweg nach unten werfen einen mit Wucht in die Sitze. Und sobald man den Fuß nur ein wenig lupft, kippt man nach vorne in den Sicherheitsgurt, als hätte man gebremst. Schon nach kurzer Zeit fühlt man sich deswegen wie mit dem Ferrari verwachsen.
Von null auf hundert mit einem irren Grinsen
Es gibt viel, was man an Ferrari ablehnen kann. Den exorbitanten Benzinverbrauch. Den obszönen Preis. Die Menschen, die diese Autos hierzulande meistens fahren. Und auch eine gewisse Schlampigkeit der Ingenieure in manchen Bereichen, die zum Beispiel dazu führt, dass Regenwasser beim Öffnen des Kofferraumdeckels nicht in die dafür vorgesehenen Ablaufkanäle rinnt, sondern in den Innenraum.
Stimmt alles. Und ja, das mit dem Regenwasser würde es bei einem deutschen Sportwagen sicher nicht geben. Doch wofür man die Italiener einfach lieben muss, ist ihr unbändiger Wille, alle Sinne der Insassen anzusprechen. Die Beschleunigung des F 12 Berlinetta ist so brutal, dass noch Minuten danach die Wangen kribbeln und das irre Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht weichen will. Doch beeindruckender ist die Begleitmusik, unter der das alles stattfindet. Beweis gefällig?
Mein sechsjähriger Sohn ist extrem autobegeistert und fiebert jedem Testwagen entgegen. Egal welches Fahrzeug, egal welche Firma, irgendwann kommt bei jedem Probefahrzeug die Frage: "Können wir Musik anmachen?", und die ist schwer verhandelbar. Beim Ferrari habe ich mich nicht bequatschen lassen. "Auf gar keinen Fall", sagte ich und senkte dezent das Gaspedal, "bei diesem Auto spielt die Musik im Motorraum!" Es gab keine Widerrede.