Ford Airstream: Wandervögel auf Zeitreise - DER SPIEGEL
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Ford Airstream Wandervögel auf Zeitreise

Ford macht den Weg zum Ziel. Gemeinsam mit dem legendären Wohnwagenhersteller Airstream haben die Amerikaner zur Motor Show in Detroit eine gleichnamige Kreuzung aus Geländewagen und Großraumlimousine entworfen, in der das Ankommen am Ziel künftig zur Nebensache werden könnte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was dem Deutschen ein Hymer oder Münsterland, das ist dem Amerikaner ein Airstream. Schon seit 1931 baut das Unternehmen aus Jackson Center im US-Staat Ohio Wohnwagen für die "große amerikanische Reise", die mit ihrer rundlichen Form und der metallisch glänzenden Aluminiumhaut in nunmehr 75 Jahren zu einer Ikone der Wandervögel geworden sind. Von dem charakteristischen Design haben sich nun die Designer bei Ford zu einer gemeinsamen Studie inspirieren lassen, die automobilen Herumtreibern Lust auf neue Landpartien machen soll.

Außen zitiert das Showcar alle wichtigen Details, die einen Wohnwagen zum Airstream machen. Die Kanten sehen aus, als seien sie vom Fahrtwind rund geschliffen, der reflektierende Lack schimmert wie unbehandeltes Metall, und Ziernieten erinnern an die aus dem Flugzeugbau übernommene Konstruktion. Dazu gibt es als Hommage an die Zukunft schillernd orangefarbenen Rahmen um die ungewöhnlich geschnittenen Fenster und einen glatten, auf Hochglanz polierten Chromkühler, der von einem weißen Lichtband umschlungen und von unsichtbaren Scheinwerfern durchleuchtet wird.

Der Innenraum wirkt auf den ersten Blick so, wie man sich ungefähr 1960 ein Zukunftsauto vorgestellt hat und schwelt in der Formenwelt von Filmen wie Stanley Kubricks "Odyssee im Weltraum". Doch die altbacken geformten Sitzschalen und der plüschrote Stoffbezug in der ersten Reihe sollten nicht über die fortschrittliche Ausstattung hinwegtäuschen: Das Cockpit zum Beispiel nutzt berühungsempfindliche Monitore, die Fahrer und Beifahrer auf einem gemeinsamen Display zur gleichen Zeit zwei unterschiedliche Bilder zeigen. Während der Fahrer die Bilder seiner am Spiegel montierten Onboard-Kamera oder den Bordcomputer sieht, kann der Sozius auf demselben Bildschirm eine DVD anschauen oder schon während der Fahrt einen Reisebericht verfassen und so seinen Beitrag zu den tausenden von Blogs leisten, die bereits heute täglich ins Internet gestellt werden.

Virtuelles Kaminfeuer im Fond

Während man sich im Airstream vorne ein wenig fühlt wie Captain Future auf Dienstreise, ist der Fond als gemütliche Lounge gestaltet, die man entweder durch eine über die gesamte Flanke aufschwingende Flügeltür oder eine dreiteilige Heckklappe betritt. An den Seitenwänden laden bequeme Sitzbänke zum Lümmeln ein, die großen Fenster reihum und im Dach garantieren ausreichend Ausblick, und falls es draußen einmal nichts zu sehen gibt, steht mitten im Wagen eine neuartige Infotainment-Säule. Sie beherbergt nicht nur Musikanlage und Spielekonsole, sondern ist zudem verkleidet mit einem 360-Grad-Monitor, auf dem die bunten Blasen einer Lavalampe blubbern oder zum Sonnenuntergang ein virtuelles Kaminfeuer flackert.

Während die Technik bislang nicht viel mehr ist als eine detailverliebte Spielerei der Designer, hat zumindest die Sicherheitsausstattung einen konkreten Bezug zur Serie. Denn einmal mehr experimentiert Ford im Airstream mit neuen Gurten, die in der ersten Reihe an vier Punkten befestigt und im Fond mit einem integrierten Airbag ausgestattet sind.

Ein Autotraum mit vielen Realitätsbezügen

Auch der Antrieb ist sehr viel ernsthafter als das verspielte Konzept vermuten lässt: Im Wagenboden integriert ist eine neue Generation von Brennstoffzelle, die nur noch halb so groß ist wie bisherige Systeme und auch nur noch die Hälfte kosten soll. Bestückt mit einer leistungsstarken Batterie fährt der Airstream die ersten 40 Kilometer bei Geschwindigkeiten bis etwa 140 km/h allein mit dem Strom aus dem Akku. Geht dessen Ladung zur Neige, springt - wie der Benziner bei einem Hybrid-Auto - die Brennstoffzelle an und erzeugt aus 4,5 Kilogramm Wasserstoff die Energie für weitere 450 Kilometer.

Natürlich ist der Airstream vollkommen überzeichnet und in dieser Form fernab jeder Serienchance. Doch ohne Hintersinn ist der Wagen nicht. Vielmehr will Ford mit diesem "Crossover" seine Position in einem Segment festigen, das in den USA schon bald auf drei Millionen Autos im Jahr anschwellen wird. Denn Crossover-Modelle stehen nicht nur am Schnittpunkt verschiedener Fahrzeuggattungen, sondern auch an der Nahtstelle wichtiger sozialer und wirtschaftlicher Trends.

"Sie sind wie gemacht für Paare, die immer später eine Familie gründen, und für Baby-Boomer, die ihr Leben und ihr Auto auf ein vernünftiges Maß zurechtstutzen", schreiben die Designer im Beipackzettel zur Studie und erinnern daran, dass alleine in den USA jeden Tag 11.000 Menschen ihren 50. Geburtstag feiern. Und wer älter wird, seine Kinder ziehen lässt und im Job etwas Gas wegnimmt, der hat auch wieder mehr Zeit zum Reisen, so die Argumentation für den futuristischen Wandervogel.