Geisterfahrer Mit Elektronik gegen Irrläufer
"Wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Durchsage: Auf der A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt ist ein Falschfahrer unterwegs." Mit solchen Meldungen im Verkehrsfunk werden Autofahrer allein in Deutschland etwa fünfmal am Tag aufgeschreckt. Zwar entpuppen sich etliche der jährlich rund 1500 Meldungen als falscher Alarm, dennoch gehört die Konfrontation mit unerwartetem Gegenverkehr zu den schlimmsten Schreckenszenarien, die sich Autofahrer ausmalen können.
Denn wenn es kracht, haben Geisterfahrer-Unfälle wegen hoher Geschwindigkeit und frontaler Kollision meist fatale Folgen. Die Ursachen für das Fahren auf der falschen Straßenseite sind vielschichtig, ermittelten Forscher der Bundesanstalt für Straßenwesen. Als häufige Gründe gelten Stress und Überforderung, der Verlust der Orientierung und schlechte Sicht. Außerdem ist bei einem Drittel der Geisterfahrer Alkohol im Spiel. Das Alter dagegen ist offenbar kein Indikator nur zehn Prozent der Falschfahrer sind über 65 Jahre alt.
Die größte Gefahr lauert offenbar an Anschlussstellen und Autobahnkreuzen, wo jeweils gut ein Drittel aller Geisterfahrten beginnen. 16 Prozent geraten auf freier Strecke auf die falsche Bahn, sieben Prozent an Raststätten und vier Prozent in Baustellen. Weit kommen die Fahrer auf ihren Abwegen allerdings nicht: 26 Prozent bemerken den Fehler bereits innerhalb der ersten 100 Meter, 34 Prozent reagieren noch vor 500 und 17 Prozent vor 1000 Metern. 23 Prozent allerdings fahren in ihrem gefährlichen Irrglauben einen Kilometer oder mehr.
In Österreich sollen Nagelbänder Geisterfahrer stoppen
Zwar gibt es Länder wie Österreich, das mit großem technischen Aufwand gegen Falschfahrer vorgeht, neben dem schlichten Verkehrszeichen mit weißen Balken auf rotem Grund auch grellgelbe Warnschilder und sogar Nagelbänder in der Straße, um Irrfahrer zu stoppen. Doch bieten auch solche Maßnahmen nach Einschätzung von ADAC-Experte Maximilian Maurers keinen hundertprozentigen Schutz.
Installation und Wartung seien sehr teuer, gibt er zu bedenken. Wird man unfreiwillig zum Falschfahrer, raten die Experten der Automobilclubs dazu, sofort an den nächstgelegen Straßenrand zu fahren, den Wagen abzustellen, sich in Sicherheit zu bringen und auf die Polizei zu warten. Auf keinen Fall, so der dringende Hinweis, solle man selbst wenden und dabei erst recht einen Unfall riskieren. Dennoch retten sich, so die Erfahrung der Wissenschaftler, viele Falschfahrer zumindest bis zum nächsten Parkplatz, kehren dort um und verschwinden auf Nimmerwiedersehen.
Neues Warnsystem soll Falschfahrer bremsen
Vor Fehlern bei der Wahl der Fahrtrichtung könnten Autofahrer bald von einem neuen Assistenzsystem gewarnt werden. Denn als Weiterentwicklung der Verkehrszeichen-Erkennung forscht der Zulieferer Siemens VDO an einem Geisterfahrer-Warner, der in solchen Fällen Alarm schlagen soll. "Dafür programmieren und trainieren wir die Bildauswertung der Kamera hinter dem Rückspiegel so, dass sie neben den Geschwindigkeitsbeschränkungen auch Einfahrverbote erkennt", sagt Siemens-VDO-Experte Michael Lütz. "Weil wir zudem vom Navigationssystem Informationen erhalten, auf was für einem Straßentyp und in welcher Richtung der Wagen unterwegs ist, können wir den Fahrer auf seinen riskanten Irrtum aufmerksam machen."
Das geschieht zum Beispiel durch ein Warnsignal, eine Einblendung im Display oder gar durch eine Stotterbremsung. Wann so ein Assistenzsystem auf dem Markt erhältlich sein wird, mag Lütz noch nicht sagen. Bis dahin gilt auf der Autobahn, was auch im Radio regelmäßig wiederholt wird: "Bitte bleiben Sie äußerst rechts und überholen Sie nicht. Wir informieren Sie, sobald die Gefahr vorbei ist."
rb/jüp