Geländewagen-Gefahr: Aufgebügelt - DER SPIEGEL
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Geländewagen-Gefahr Aufgebügelt

Wer kauft ein Auto, das teuer ist, überdurchschnittlich viel Kraftstoff schluckt, technisch nicht auf der Höhe der Zeit ist und für das man kaum einen Parkplatz findet? Rund 100.000 Menschen pro Jahr alleine in Deutschland. Welcher Wagen das ist? Ein Geländewagen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Egal ob Mercedes M-Klasse oder BMW X5, Toyota Landcruiser, Jeep Cherokee oder Mitsubishi Pajero:

Wer einen Geländewagen fährt, tut dies wegen des großzügigen Raumangebots, wegen der hohen Anhängelasten, wegen der Schlaglochtauglichkeit und der dank einer hohen Sitzposition guten Rundumsicht.

Doch das entscheidende Argument - es sei denn, man ist Förster, Waldarbeiter oder Viehzüchter - ist wohl ein anderes.

Geländewagen transportieren ein Freiheit-und-Abenteuer-Image, ein Hauch von Expeditions-Atmosphäre umwölkt die klobigen Karosserien, eine Brise "Jenseits von Afrika" fächelt aus dem Gebläse in die Kabine.

Und damit das Klischee auch die allseits beliebte Individualisierung erfährt, flanschen weit mehr als die Hälfte aller Geländewagen-Besitzer in Deutschland einen so genannten Frontbügel an ihr Automobil.

Im Jargon heißt das - häufig verchromte - Rohrwerk vor dem Kühler auch "Kuhfänger", Spötter sprechen von "Potenz-Gestänge".

Der wuchtige Zierrat soll Stärke und Überlegenheit demonstrieren, und im Falle einer Kollision ist dies wörtlich zu nehmen. Die Bundesanstalt für das Straßenwesen ermittelte bereits vor Jahren, "dass bei Unfällen ungeschützter Verkehrsteilnehmer mit Geländefahrzeugen, die mit Frontschutzbügel ausgestattet sind, eine deutlich erhöhte Gefährdung besteht".

Crashtest ergaben, dass bereits bei einem Tempo von 20 km/h ein solcher Bügel für einen Fußgänger zur tödlichen Ramme werden kann. Dieter Anselm, Geschäftsführer des Allianz Zentrums für Technik, sagt: "In unseren Breiten fahren auch Geländewagen nahezu ausschließlich auf asphaltierten Straßen; Frontschutzbügel sind überhaupt nicht erforderlich, es sei denn zur Stärkung des Imponiergehabes einiger Fahrer. Wenn mann bedenkt, dass bei uns Seitenrückspiegel umklappbar sein müssen, dann sollten erst recht Frontschutzbügel aus massivem Stahl der Vergangenheit angehören."

Da jedoch ist eine EU-Richtlinie vor. Das Regelwerk aus dem Jahr 1974 bestimmt haargenau die Beschaffenheit der Fahrzeugoberfläche, Gimmicks wie Kuhfänger gab es jedoch zu dieser Zeit noch nicht.

Und die Vorschriften für Stoßstangen werden von den Herstellern der Rammrohre eingehalten, ebenso die Bauartvorschrift für Frontbügel von 1997. Das Problem sind aber nicht allein die Stangen am Bug, problematisch ist schon das typisch klobige Design dieser Fahrzeug-Spezies.

In einem Interview mit der VCD-Zeitschrift "fairkehr" sagt der Unfallarzt Christoph Linge zu diesem Thema: "Die Front von Geländewagen ist steiler. Bei einem normalen Pkw mit flacher Schnauze werden Fußgänger abgeschöpft und rollten über die Motorhaube ab. Beim Geländewagen wird ein Fußgänger mit vollem Impuls erfasst."

Doch nicht nur für Fußgänger und besonders für Kinder sind Geländewagen besonders gefährlich. Ein höheres Risiko tragen bei einem Zusammenstoß mit einem so genannten Offroader auch die Insassen anderer Autos.

"Bei Unfällen mit Geländewagenbeteiligung sterben doppelt so viele Menschen im gegnerischen Fahrzeug wie bei der Kollisionen zwischen 'normalen' Mittelklassewagen", heißt es in "fairkehr". Ein Grund dafür liegt in der Technik: Wegen ihres vergleichsweise hohen Gewichts und hohen Schwerpunkts benötigen Geländewagen oft längere Bremswege als andere Autos.

In der "Auto Zeitung" heißt es dazu: "Die Klettermeister kommen beim Bremsen aus Tempo 100 durchschnittlich acht Meter später zum Stehen - nach knapp 50 Metern. Etwas krasser formuliert: Wenn der Pkw gerade steht, rauscht der Allrad-Meister mit 36 km/h vorbei - oder hinten rein."

In solchen Fällen ist der Geländewagen meist der Stärkere. Trifft ein solches Rustikal-Vehikel jedoch auf ein feststehendes Hindernis, wird es für die Geländewagen-Insassen gefährlich. Unfallarzt Linge: "Der Mangel an Knautschzone wirkt sich beim Zusammenstoß mit einem Baum oder einer Wand fatal aus. Die gesamte Energie wird an die Insassen weitergegeben. Das Ergebnis ist oft: Auto intakt, Insassen zerschmettert."