Generationswechsel beim VW Golf Nummer sechs rollt
Kein Auto steht seit so langer Zeit unangefochten an der Spitze der Zulassungsstatistik, kein anderes wird so oft exportiert wie der Bestseller aus Wolfsburg. Jetzt hat VW die ersten Fotos des Golf VI veröffentlicht, der im Herbst auf dem Pariser Autosalon vorgestellt wird und kurz danach zum Händler kommt. Zwar ist die fünfte Auflage des Golf erst seit fünf Jahren auf dem Markt und wäre insofern allenfalls reif für ein sogenannter Facelift. Doch mit dem üblichen Bisschen frischer Schminke war es offenbar nicht getan. Weil die Produktionskosten des Golf V viel zu hoch sind, musste schnell eine Neuauflage her, damit der Bestseller endlich auch den Buchhaltern Freude macht. Am Mittwoch wollten die Niedersachsen die ersten Fakten und Fotos zur sechsten Generation veröffentlichen. Doch weil sich irgendwo bei VW ein Leck auftat, geistern die Bilder bereits durchs Netz.
Das Wichtigste ist das neue Design. Hier sind die Niedersachsen mutig und behutsam zugleich vorgegangen. Schließlich weiß Konzern-Chefzeichner Walter de Silva, dass der Golf "weltweit als eine Ikone des Automobilbaus" gilt und deshalb mit viel Bedacht weiterentwickelt werden will. Außerdem muss das meistverkaufte Auto auch den Geschmack der meisten Kunden treffen.
Raum für Revolutionen gibt es deshalb nicht, für Experimente ist der Golf einfach zu wichtig. "Wir haben die Kernelemente in eine präzise neue Form gegossen", sagt de Silva. Größer geworden ist er dabei nicht. Zwar hat VW zu den endgültigen Abmessungen noch keine Angaben gemacht. Doch weil die Bodengruppe nicht verändert wurde, dürfte auch das Format im Grunde gleich bleiben. Vielleicht gewinnt oder verliert er mit dem neuen Design in jeder Richtung ein paar Millimeter. Aber ein Radstand von 2,58 und eine Länge von 4,20 Meter gelten als realistischer Richtwert.
Technik aus Tiguan und Scirocco
Der erste Eindruck des Innenraums: Seidenmatte Chromoberflächen, tiefschwarzer Klavierlack und nüchterne, klare Formen bestimmen das Bild. Optische Überraschungen wird es für den Fahrer wohl keine geben - aber eben auch nichts, was ihn irgendwie stören könnte.
Der neue Golf soll zudem leiser sein - was vor allem am Wechsel vom Pumpe-Düse- auf einen Common-Rail-Diesel liegt. Dazu gibt es neue Motorlager, eine bessere Isolierung des Motorraums, neue Dichtungen für Türen und Fenster, besonders leise Reifen und serienmäßig eine Schallschutzfolie in der Frontscheibe, die den Golf vollends zum Leisetreter machen soll.
Zum ersten Mal bekommt der Golf die aktive Abstandsregelung aus der Oberklasse, vom Scirocco übernimmt er die aktive Fahrwerksregelung (DCC) und vom Tiguan den Einparkautomaten. Außerdem gibt es neben Front-, Fenster- und Seitenairbags nun serienmäßig auch einen Knie- und auf Wunsch zwei Seitenairbags im Fond sowie einen Gurtwarner auch für die Rückbank, ein weiterentwickeltes ESP mit mehr Feingefühl und Tagfahrlicht für alle Modelle.
Verbesserungen beim Verbrauch
Beim Antrieb gibt es eher eine Evolution. Natürlich ist der Wechsel bei der Einspritztechnik für die Diesel ein großer Schritt, doch die Aggregate von 90 bis 170 PS kennt man allesamt schon aus anderen Konzernmodellen. Auch die zunächst vier Benziner von 80 bis 160 PS sind nicht neu, und das Doppelschaltgetriebe (DSG) mit jetzt sieben Stufen kann man auch schon in anderen VW kaufen.
Dennoch gibt es Fortschritte. Der Einstiegsbenziner ist nun mit 6,4 statt 6,9 Litern zufrieden, und für den 110-PS-Diesel weist Wolfsburg eine Verbrauchsminderung von 0,6 auf 4,5 Liter aus. Beim 160 PS starken TSI nennt VW eine Spritersparnis von 28 Prozent oder 2,3 Liter. Ein Spardiesel mit einem Verbrauch von 3,9 Litern soll später folgen, ebenso wie ein Hybrid-Golf.
Obwohl VW wohl genügend Marktmacht hätte und angesichts all der Neuerungen auch ein paar gute Argumente für einen deutlichen Preisanstieg, bewahren zumindest die Kaufleute in Wolfsburg die Bodenhaftung und rufen für das Basismodell exakt 16.500 Euro auf. Gegenüber dem Vorgänger sind das gerade einmal 200 Euro mehr.
So richtig viel verdienen wird VW-Chef Martin Winterkorn an demneuen Auto wohl aber auch nicht. Zwar konnte er vieles verbessern, ohne dass es teurer wurde. Doch ursprünglich sollte der neue Golf eine Rendite von 8 Prozent erreichen. Nach Informationen des SPIEGEL wird aber vom Verkaufspreis wohl nur ein Gewinn von 3,4 Prozent übrig bleiben. Bei einem Durchschnittspreis von 20.000 Euro und jährlich 660.000 verkauften Autos fehlten dem VW-Konzern damit gegenüber der Planung mehr als 600 Millionen Euro an Gewinn.