Genfer Autosalon Glitzershow am Abgrund
Bloß nichts anmerken lassen - das könnte das Motto des diesjährigen Autosalons in Genf (5. bis 15. März) sein. Funkelnde Autos auf Drehtellern, große Videowände mit aufwendigen Werbefilmchen und leicht bekleidete Models, die jedes Aufkommen von Krisenstimmung routiniert weglächeln. Die Show geht weiter, als sei nicht gewesen.
Und das ist das Problem. Den Autoherstellern fehlt es ganz eindeutig an Ideen, wie die fundamentale Krise der Branche überwunden werden könnte.
"Es gibt keinen Königsweg aus der Malaise", sagt Nick Margetts vom Branchenbeobachter Jato Dynamics. "Deshalb setzen die meisten Hersteller auf Bewährtes." VW stellt die fünfte Generation des Kleinwagen-Bestsellers Polo vor, Mercedes vertraut auf die neue E-Klasse, Ford zeigt eine Radikalinski-Version des Focus mit 305 PS
Und Opel? Die Rüsselsheimer scheinen die Gegenwart vergessen zu wollen und blicken zwei Jahre voraus - mit dem Elektroauto Ampera, das Ende 2011 auf den Markt kommen soll, zu einem Preis "zwischen 35.000 und 40.000 Euro", sagt ein Unternehmenssprecher. Somit dürfte der Ampera gewiss nicht das für das Schicksal der Marke entscheidende Auto werden. Eine andere Opel-Neuheit aber gibt es derzeit nicht.
Elektroautos kommen eher später als früher
"Dies ist die größte Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren", sagt Carl-Peter Forster, der Chef von GM-Europa. Tags zuvor verhandelte er in Berlin noch mit Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg über Staatshilfen für den deutschen Autobauer. Jetzt muss er in Genf für Optimismus sorgen, was die Modelle angeht. "Der Ampera demonstriert unsere Führerschaft bei der Elektrifizierung des Automobils", sagt er. 60 Kilometer weit kommt der Wagen mit rein elektrischem Antrieb, weitere 500 Kilometer sind möglich, wenn der Verbrennungsmotor läuft und Strom produziert. Forster verspricht: "Der CO2-Ausstoß wird bei weniger als 40 Gramm pro Kilometer liegen."
Auf die Elektrifizierung setzen auch andere. Mercedes-Forschungsvorstand Thomas Weber zum Beispiel kündigte in Genf an, dass die Batterieentwicklung und -produktion weitgehend bei Daimler selbst stattfinden werde. Volkswagen denkt in die gleiche Richtung. Doch Konzernchef Winterkorn hat den neuen Polo Blue Motion im Rücken, der lediglich 87 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen soll - also blockt er jede Diskussion über die baldige Marktreife von Elektroautos ab: "Wir wollen nicht die schnellste, sondern die beste Lösung." Im Subtext schwingt da mit, dass es noch etwas dauern kann.
So ist das in diesem Jahr in Genf: Die flotten Zukunftsversprechen der vergangenen Jahre in Sachen Hybrid-, Elektro- oder Brennstoffzellenfahrzeug sind nüchternem Kalkül gewichen. Vermutlich fehlt derzeit nicht nur der Mut für Experimente, sondern auch das Geld. Und die Technik ist noch nicht so weit: Bis wirklich brauchbare Lithium-Ionen-Akkus verfügbar sind, die ein Autoleben lang funktionieren, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen.
Vorhersagen sind derzeit Glückssache
Auf Prognosen mag sich derzeit kaum ein Verantwortlicher festlegen. Denn "die Talsohle dieser Krise ist noch nicht erreicht", sagt warnend Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA). Zwar sei man mit dem deutschen Markt zufrieden, auf dem wegen der Abwrackprämie die Verkaufszahlen im Februar so gut waren wie seit zehn Jahren nicht mehr. Doch global betrachtet sei das kaum eine Verbesserung: "In den USA ging der Markt im Februar um 41 Prozent zurück, der Export der deutschen Autohersteller insgesamt brach im Februar gar um 51 Prozent ein."
Angesichts solch düsterer Kennzahlen auch bei japanischen und US-Autobauern ist es verwunderlich, dass in Genf immer noch business as ususal zelebriert wird. Die Messestände funkeln, die feinen Hotels rund um den Genfer See sind ausgebucht. VW ließ sich für den neuen Polo von US-Superstar Pink gar einen eigenen Song komponieren.
"Ich frage mich, ob wir hier das letzte Aufbäumen sehen - oder ob die Krise doch nicht so schlimm ist, wie alle immer behaupten", sagt ein Branchenkenner.
Für einen ist sie das gewiss. Ganz am Ende der Opel-Pressekonferenz betritt Bob Lutz die Bühne, der große alte Mann des US-Automobilbaus. Im April endet für den 77-Jährigen seine offizielle Amtszeit als Technikchef von General Motors. "Ich war 1952 erstmals auf einer Automesse, und das war hier in Genf", sagt er mit Wehmut. Wenn es fünf Jahre dauere, bis sich die Branche wieder erhole, sagt Lutz, dann sei er 82. "Ich hoffe, dass die Autoindustrie zu alter Stärke zurückfindet. Und ich hoffe, dass ich das noch erlebe."