Gesundes Sitzen im Auto Haltung hinterm Steuer
Autohersteller müssen von Georg Stingel deutliche Kritik einstecken. "Die Masse der Autositze ist für Langstreckenfahrer absolut ungeeignet", klagt der Geschäftsführer der "Aktion Gesunder Rücken" (AGR). Zwar hat sich in den letzten hundert Jahren nicht nur optisch viel getan. "Doch ergonomisch sind viele Hersteller beim Autositz noch nicht über die Konstruktion eines Campingstuhls hinausgekommen", klagt Andrew Leuchtmann, der bei Opel in Rüsselsheim die Entwicklung der Sitze leitet. Dabei sei ein ergonomischer und damit gesunder Autositz wichtiger denn je, sagt der Mediziner Erich Schmitt, der das Forum "Gesunder Rücken besser Leben" leitet. Schmitt: "Rückenleiden sind eine der größten Volkskrankheiten."
Besonders betroffen sind Vielfahrer und Pendler und davon gibt es reichlich. "Jeder zweite Autofahrer sitzt täglich mehr als 90 Minuten hinter dem Steuer", hat Stingel ermittelt. Die Folgen können weh tun, denn das lange Sitzen verursacht Rücken-, Kopf- und Schulterschmerzen, Nackenbeschwerden oder Verspannungen. "Lösungen bieten hier ergonomische Fahrersitze, die sich individuell einstellen und sich an die natürlichen S-Form der Wirbelsäule anpassen lassen", sagt der Lobbyist, der solchen Sitzen das "AGR-Gütesiegel" anheftet. Leider erfüllen bislang nur sehr wenige Hersteller die Kriterien. Lediglich für die Automodelle Opel Vectra und Insignia sowie für C- bis S-Klasse von Mercedes gibt es bislang die Option auf AGR-geprüftes "gesundes Sitzen".
Einstellmöglichkeiten, damit jeder optimal sitzt
Dabei sind die Anforderungen gar nicht so groß. Andererseits ist es auch nicht so einfach, dass kleine wie große und dicke wie dünne Menschen auf demselben Sitz bequem und ergonomisch reisen können. Und dass auch noch auf beschränktem Raum. "Das funktioniert nur mit möglichst vielen und möglichst weiten Verstellmöglichkeiten", sagt Stingel. Er fordert neben einer wirbelsäulengerechten Struktur und einer Lehne bis zum Schulterblatt mindestens Einstellmöglichkeiten für Höhe und Neigung, eine Verlängerungsoption der Sitzfläche, eine Lordosenstütze sowie eine in Höhe und Neigung verstellbare Kopfstütze. Wünschenswert seien zudem eine Sitzklimatisierung, sowie eine Elektrifizierung der Verstellmöglichkeiten.
Stingels Forderungskatalog klingt nicht so, als wäre er unerfüllbar. Doch Entwickler wie Andrew Leuchtmann müssen sich durchaus ins Zeug legen, um die unterschiedlichen Ansprüche zu erfüllen. Denn längst sei der Autositz ein komplexes Hightech-Produkt, das Dutzende Funktionen erfüllen und Hunderte von Komponenten vereinen müsse, sagt der Experte. Zwischen Crash-sicherem Sitzrahmen, Polsterschaum und Schonbezug finden sich Elektromotoren, Gurtstraffer und Airbags, Belüftungs- und Heizungsmodule, Luftkissen und Sensoren sowie die entsprechende Steuerungselektronik. "Und dann soll der Sitz auch immer leichter und dünner werden", stöhnt Leuchtmann. Denn Gewicht schlägt auf den Kraftstoffverbrauch und die Kniefreiheit im Fond soll ja auch möglichst groß sein. Kein Wunder, dass die Sitzanlage mittlerweile eine der teuersten Komponenten im Auto ist: sie macht zwischen acht und zwölf Prozent des Wagenswertes aus selbst Motor und Getriebe sind oft billiger.
Gutes Sitzen kostet auf jeden Fall Aufpreis
Immerhin, Leuchtmann und sein Team erhalten nun auch für die Sitze des neuen Opel Insignia das AGR-Siegel. Die Rüsselsheimer feiern das als "Sitzen erster Klasse". Tatsächlich wurden die Verstellbereiche der Sitzteile um bis zu 40 Prozent erweitert. "In der Höhe haben wir nun 65 und in der Länge 270 Millimeter Spielraum. Das macht uns kaum einer nach", sagt Leuchtmann. Außerdem gibt es jetzt eine ausziehbare Schenkelauflage von knapp sieben Zentimetern, eine horizontal und vertikal bewegliche Lordosenstütze, insgesamt 18 verschiedene Verstellmöglichkeiten, eine aktive Kopfstütze sowie auf Wunsch Heizung und Lüftung. "Trotzdem ist der Sitz 15 Prozent leichter und zwei Zentimeter dünner geworden als zuletzt."
Fast noch wichtiger als der technische Fortschritt ist allerdings die Einsicht der Buchhalter. Denn bislang war der AGR-Sitz bei Opel an teure Extras wie Klimatisierung, Lederpolster oder die elektrische Verstellmöglichkeit gekoppelt und kostete so zwischen 1500 und 2000 Euro Aufpreis. Jetzt gibt es den Komfortthron auch mit Stoffbezug und manueller Verstellung, was den Aufpreis auf immer noch satte 350 Euro drückt. "Selbst Firmenfahrer mit einem knauserigen Fuhrparkchef haben damit die Chance auf den AGR-Sitz", glaubt Leuchtmann. Damit die Idee vom rückenfreundlicheren Sitz bekannter wird, plant Opel zum Insignia-Verkaufsstart eine Aktion, bei der AGR-Sitz und ein Satz Alufelgen im Paket für 850 Euro angeboten werden.