GMs Motorama Parade des Fortschritts
Das waren die goldenen Zeiten der US-Autoindustrie: Während die Konkurrenz in England, Deutschland, Frankreich, Italien und Japan nach dem zweiten Weltkrieg am Boden lag, drehten die Amerikaner auf. Abertausende GIs kamen mit vollen Taschen zurück in die Staaten, die Rationierung von Essen und Benzin gehörte der Vergangenheit an.
Ein halbes Volk suchte neue Wohnungen, neue Jobs und vor allem neue Autos. Die Großen Drei in Detroit reagierten darauf: Rasch brachten sie eine Flut neuer, moderner Fahrzeuge auf den Markt. Diese Autos waren es, die Ford, Chrysler und General Motors (GM) zu automobilen Weltmächten aufsteigen ließen.
General Motors setzte sich an die Spitze der Bewegung. Bald wurden die etablierten Messen für die Fülle an Neuheiten zu klein. Da startete GM kurzerhand eine eigene Show. Motorama hieß der Wanderzirkus, der als "Parade des Fortschritts" (Firmenwerbung) durch die USA zog und mit bisweilen völlig abgedrehten Showcars und Designstudien zwischen 1949 und 1961 mehr als zehn Millionen Zuschauer in den Bann schlug.
Zu den faszinierten Besuchern dieses Autospektakels zählte auch der damals acht Jahre alte Ed Welburn, der angesichts des Cadillac Cyclone vor Staunen kaum mehr den Mund zubekam und an diesem Tag beschloss: "Ich werde auch Autodesigner." Er wurde es tatsächlich. Heute ist Welburn der oberste Styling-Chef von General Motors und damit Nachfolger von Designlegenden wie Harley Earl oder Bill Mitchell, die eigens für das Motorama mehr als 50 Autos entwarfen.
Viele davon wurden zwar nach der großen, von Showstars, Musikbands und ganzen Theatergruppen begleiteten Tourneen umgehend verschrottet, um juristischen Streitereien und Problemen mit der Produkthaftung aus dem Weg zu gehen. Doch zum hundertsten Geburtstag von GM wurden kürzlich beim Concours d'Elegance in Pebble Beach noch einmal rund zwei Dutzend der überlebenden Showcars versammelt.
Plötzlich wuchsen den Autos Flügel, Flossen und Düsen
Die Autos jener Zeit sind geprägt vom Luxus, der Lust an der Leistung und dem Aufbruch in neue Welten. Denn während im Fernsehen die Jetsons liefen, immer mehr Flugzeuge mit Düsen- statt Propellerantrieb abhoben und allmählich der Wettlauf zwischen Sputnik und Apollo begann, wuchsen plötzlich auch den Autos Flügel. Die Luxusmodelle bekamen riesige Heckflossen, badeten im Chrom und schützten sich mit Rammbojen, groß wie die Atombusen aus den Russ-Meyer-Filmen. Sportwagen traten - lange vor Lamborghini & Co. - auf wie Kampfjets auf Rädern.
Es gab eine Serie von inzwischen legendären Firebird-Studien bei Motorama, die außer gläsernen Kanzeln und den Leitwerken von Düsenjägern auch deren Turbinen trugen. Und das war keine reine Spielerei: In den fünfziger Jahren waren die Entwickler tatsächlich überzeugt, dass Triebwerke binnen zehn Jahren auch in im automobilen Einsatz zum Standard zählen könnten.
Karosserievisionen aus Chrom-Molybdän
In diesem Punkt irrten sich die Ingenieure zwar, und auch Karosserien aus Chrom-Molybdän, Titan oder Fiberglas sucht man heute in der Großserie vergebens. Doch zahlreiche damals noch viel weiter hergeholt erscheinende Visionen sind längst Wirklichkeit geworden. So standen auf den Motorama-Shows bereits in den fünfziger Jahren die ersten Autos mit schlüssellosem Zugangssystem, mit Licht- und Regensensor, Rückfahrkamera oder einer elektronischen Spurführung. Und ein Cabrio, das bei schlechtem Wetter automatisch das Dach schloss, gab es auch schon. Wer würde sich das nicht auch heute noch wünschen?
Während Autohersteller heutige Designstudien hüten wie Schätze und die Modelle oft schon kurz nach dem Messedebüt auf einen Ehrenplatz im Museum rollen, war General Motors mit den damaligen Traumwagen wenig zimperlich. Die meisten wurden kurzerhand verschrottet. "Und damit dabei nicht gemauschelt werden konnte, musste immer ein hochrangiger GM-Manager dabei sein", erinnert sich Sammler Joe Bortz, der als kleiner Junge 1955 erstmals eine Motorama-Show besuchte und seitdem nicht mehr von den Showcars losgekommen ist.
Deshalb hat er jahrelang die Schrottplätze rund um Detroit abgeklappert und einige Male Glück gehabt. Denn ein paar PS-Pretiosen entkamen damals der Presse und haben als Ganzes oder zumindest in Teilen überlebt. Neben dem offiziellen Motorama-Fuhrpark aus der GM-Garage gibt es deshalb jetzt auch wieder Autos wie den La Salle Roadster von 1955 und den Chevrolet Biscayne aus dem gleichen Jahr, die noch bis vor kurzem als für immer verschollen galten.