Hightech im Taschenformat Bei Anruf Wroammmm
Jeder kennt die Situation: Vor Verlassen der Wohnung beschleicht einen die Unsicherheit. Habe ich alles? Dann werden zum dritten Mal die Taschen abgeklopft. Autoschlüssel? Ja. Mobiltelefon? Eingesteckt. Portemonnaie? In der Jacke. Und an der Tankstellenkasse stellt man dann fest, dass ausgerechnet die Kreditkarte zu Hause liegen geblieben ist.
Geht es nach Hans-Jörg Vögel, können Autofahrer über solche Situationen künftig schmunzeln. Vögel arbeitet in der Forschungsabteilung des Münchner Autoherstellers BMW und will den Autoschlüssel zum persönlichen Datenträger aufrüsten, mit dem man nicht nur Einkaufs- oder Tankrechnungen bezahlen, sondern auch Bustickets lösen oder Mietwagen öffnen kann.
Um die Idee umzusetzen, baut Vögel auf eine Funktechnologie, wie sie etwa in den Chips US-amerikanischer Kreditkarten bereits üblich ist. "Neue Karten zieht dort keiner mehr durch ein Lesegerät. Sondern man hält nur noch das Portemonnaie an einen Empfänger, um den Betrag abbuchen zu lassen", berichtet der Entwickler. So einen Chip möchte Vögel auch im Autoschlüssel integrieren. Nach dem Tanken würde man dann nur noch den Schlüssel auf den Tresen legen, schon wäre die Rechnung bezahlt. Und auch ein Buch oder ein neues Paar Schuhe könnten beispielsweise per Autoschlüssel gekauft werden. Zumindest Autofahrer wären so fast immer liquide. Vögel: "Auch wenn man das Portemonnaie vergessen hat, ohne Autoschlüssel fährt ja wohl keiner los."
Die Kreditkarte, die BMW gemeinsam mit dem Zulieferer NXP bereits in einem unauffälligen Schlüssel-Prototypen integriert hat, ist für Vögel nur der Anfang. "Mit dem Chip können wir den Schlüssel erstmals an die Person, und nicht mehr ans Fahrzeug koppeln", sagt der Forscher und skizziert Szenarien, in denen ein Schlüssel mehrere Autos öffnen könnte. Ganz gleich, ob man mit der eigenen Limousine, dem Auto der Gattin oder dem Wagen der Tochter losfahren möchte: Der einmal für diese Fahrzeuge angemeldete Schlüssel öffnet alle Türen.
"Und sämtliche Einstellungen von Sitz und Spiegel über Musik, Navigation und Telefonbuch bis hin zu den individuellen Abonnements etwa im BMW-Internetportal werden gleich mit übertragen", prophezeit Vögel. Mittelfristig könnte das System sogar bei Leihwagen funktionieren: Wer ein Auto vorbestellt, kann am Flughafen direkt einsteigen und losfahren. Aber der BMW-Schlüssel der Zukunft soll nicht nur Autos öffnen, sondern buchstäblich zum "Schlüssel für intermodale Mobilität" werden, wie Vögel es ausdrückt. Busfahrkarten, Zug- oder Flugtickets, als das wird man künftig angeblich auf dem Chip im Autoschlüssel speichern können.
Schlauer Schlüssel könnte ab 2010 im Einsatz sein
Technische Hürden gebe es kaum. "Der Chip ist fertig entwickelt, die Integration ins Schlüsselgehäuse eine vergleichsweise leichte Übung und die weitere Fahrzeugintegration eine lösbare Aufgabe", sagt der Forscher. Eigentlich könnte das System in ein bis zwei Jahren auf den Markt kommen. "Doch das ist nur die technische Seite", schränkt Vögel ein. Ob die Kunden offen wären für eine solche Lösung, und ob sich damit auch Geld verdienen ließe, in ungewiss. Und bis sich Verkehrsverbünde auf ein einheitliches elektronisches Ticket einigen, wird es wohl auch noch dauern. Deshalb denkt der BMW-Mitarbeiter an ein Stufenmodell. "Bezahlfunktion könnten relativ bald kommen, alles Andere reichen wir dann schrittweise nach."
Während BMW den Autoschlüssel zur Allzweckwaffe aufrüstet, arbeiten andere an seiner Abschaffung. Audi zum Beispiel hat in der Studie für den A1 die Bordelektronik soweit geöffnet, dass der Wagen über eine WLAN-Verbindung auf das Mobiltelefon zugreifen und es nicht nur zum Telefonieren, sondern auch als Adressdatenbank, Navigationssystem, Musik- und Videospieler nutzen kann. Damit man all diese Funktionen komfortabel über das Bediensystem des Autos steuern kann, ist lediglich eine spezielle Audi-Software nötig, die bereits auf vielen Mobiltelefonen läuft.
Aston Martin mit Armbanduhr-Schlüssel
Auch Nissan will künftig das Mobiltelefon nutzen und so den Zündschlüssel ersetzen. Dafür wurde die Technik des so genannten Intelligent Key in einem Sharp-Telefon integriert. Wer bislang noch den Funksender in der Tasche brauchte, um den Wagen zu öffnen und zu starten, dem reicht künftig das richtige Handy, damit er in Fahrt kommt. Während Audi und BMW noch experimentieren, soll der Handyschlüssel von Nissan schon im nächsten Jahr auf den Markt kommen.
Die eleganteste Alternative zum Autoschlüssel allerdings stammt von Aston Martin. In schönster James-Bond-Manier haben die Briten den Sender zum Öffnen des Sportwagens DBS in einer Armbanduhr der Marke Jaeger Le Coultre integriert. Ein Druck auf das Glas genügt, schon springen die Türen auf. Dass dieser sehr spezielle Schlüssel knapp 30.000 Euro kostet, mag Normalverdiener abschrecken. Doch bei einem Sportwagen für 240.000 Euro ist das beinahe ein Klacks.