Hitzewelle Faltenwurf auf der Autobahn
"Blow up" nennen Experten das Phänomen, wenn die Fugen zwischen den je fünf Meter breiten Betonelementen auf den Autobahnen nicht mehr ausreichen, um die Spannungen auszugleichen, und deshalb die Ränder der tonnenschweren Betonbrocken hochploppen wie ein Kronenkorken. Auf der Autobahn A5 bei Weiterstadt in Hessen trat dieser Extremfall jetzt ein. Um bis zu 30 Zentimeter ragten die verkeilten Betonteile in die Höhe, Autos wurden beschädigt, die Polizei musste die beiden linken Fahrspuren sperren.
Derzeit mehren sich die Meldungen solcher Hitzeschäden auf den deutschen Autobahnen. Von den rund 12.000 Kilometern Fernstraßen in Deutschland sind etwa ein Drittel in Betonbauweise aufgeführt, der Rest mit Asphaltbelag. Dort ist das Hitzeproblem noch gravierender. "Denn elastisch sind die bei uns verwendeten Asphaltmischungen in der Regel zwischen minus 20 und plus 60 Grad Celsius", sagt Rudi Bull-Wasser, Referatsleiter Asphaltbau bei der Bundesanstalt für Straßenwesen.
Weil es seit Tagen auch in den Nächten nicht mehr abkühlt, komme der Asphalt allmählich an die Temperaturgrenze. Teilstücke ohne Schatten, womöglich noch an einem Südhang, sind besonders gefährdet. Das endgültige K.o. erhält der Asphalt, wenn der Verkehr - etwa an einer Baustelle - in engen Spuren geführt wird und so die Belastung der Straße an der immer gleichen Stelle auftritt. "Da können dann richtige Spurrinnen entstehen", sagt Bull-Wasser - und die können aufbrechen.
Auf der A1 zwischen Hagen-Nord und dem Westhofener Kreuz, wo die Fahrbahn wegen Bauarbeiten verengt ist, kommen all diese Merkmale zusammen, und prompt gab der Asphalt dort besorgniserregend nach. Die Autobahn musste in Fahrtrichtung Bremen gesperrt werden. Auch das Verkehrsministerium in Niedersachsen kündigte bei weiter anhaltender Hitze Tempolimits, Gewichtsbeschränkungen oder Straßensperrungen an.
Asphalt wirft Blasen
Joachim Ernst von der niedersächsischen Landesbehörde Straßenbau und Verkehr hofft nun auf abkühlenden Regen, um solche Maßnahmen vermeiden zu können. Sorge bereitete den Straßenexperten der Messeschnellweg in Hannover, der aufgrund der hohen Temperaturen in den vergangenen Tagen regelrecht Blasen warf. Die aber seien nun weitgehend "angestochen" worden, damit die Fahrbahn wieder glatt und eben wird.
Ob Tempobeschränkungen die richtige Maßnahme zum Schutz der Asphaltfahrbahnen seien, bezweifelte Straßenexperte Bull-Wasser gegenüber SPIEGEL ONLINE. Denn je langsamer sich ein Fahrzeug über den Untergrund bewegt, desto länger dauert die Belastung. "Möglicherweise aber sollen durch solche Tempolimits Staus vermieden werden, denn ein Stau ist für weichgekochten Asphalt das Schlimmste."
Wenn durch hitzebedingte Straßenverwerfungen Schäden am Auto entstehen, ist die Haftungsfrage zwar eindeutig zu beantworten, doch die daraus entstehenden Ansprüche durchzusetzen ist höchst kompliziert. "Es haftet immer der Träger der Straßenbaulast", erklärt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer. Doch sei der Nachweis, dass die Macke am Auto tatsächlich von einem hitzebedingten Straßenschaden stammt, der noch nicht beschildert war, extrem schwierig. Maurer kühl: "Im Grunde ist das aussichtslos."