Humancar Imagine: Bizeps statt Benzin - DER SPIEGEL
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Humancar Imagine Bizeps statt Benzin

Der Wagen sieht aus wie der von Fred Feuerstein. Doch das Modell Imagine stammt keineswegs aus der Steinzeit, im Gegenteil: Erfinder Charles Greenwood glaubt, dass seinem mit Muskelkraft und Strom angetriebenen Viersitzer die Zukunft gehört.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So müssen Männer aussehen, die die Welt verbessern wollen: In Würde ergraut, erfahren und mit weißen Rauschebart erinnert Charles Samuel Greenwood an den zerstreuten Professor aus einer amerikanischen High-School-Klamotte. Doch der freundliche Herr aus Seattle ist weder Teilchen-Physiker noch Traumdeuter, sondern Automobilentwickler. Mehr als 50 Jahre lang hat er Sportwagen und Hot Rods ersonnen. Jetzt macht er sich Sorgen um die Zukunft des Planeten und erforscht in seiner Firma Humancar Mobilität ohne Nebenwirkungen.

Der Name des Unternehmens gibt bereits den entscheidenden Hinweis auf Greenwoods Lösungsvorschlag für Rohstoffmangel und Klimasorgen. Denn das jüngste Modell Imagine ist ein in jeder Hinsicht menschliches Auto. Nicht nur, weil es gut zur Menschheit ist, sondern vor allem, weil es der Mensch selbst ist, der den Wagen antreibt. Wo andere Tüftler auf  Ethanol, Gas oder Wasserstoff setzten, nutzen die Macher von Humancar Muskelkraft.

Wer im Imagine sitzt, greift daher zu einer Stange, die wie der Lenker eines Fahrrades aus dem Wagenboden ragt. Als wäre der Viersitzer eine Draisine aus einem Zeichentrickfilm der frühen fünfziger Jahre, hebeln die Passagiere nun im Takt und bringen so die Fuhre in Fahrt. Überschüssige Energie - etwa bei Talfahrten oder beim Bremsen - wandelt das System in Strom um, der in einem Akku gespeichert wird und auf Steigungsstrecken oder bei schnellerer Fahrt einen Elektromotor antreibt, um die Passagiere zu entlasten.

Außerdem sei ein Dach mit Solarzellen denkbar, die ebenfalls der Energiegewinnung dienen könnten, heißt es bei Humancar. "Man nehme einen Teil Dragster, zwei Teile Elektrizität, drei Teile schwarze Magie und vier Zylinder, schon hat man einen Motor, die auf ewig die menschliche Mobilität verändern kann", fasst Greenwood etwas kryptisch sein Credo zusammen.

Wenn der Wind günstig steht, sind 100 km/h drin

Die Fahrleistungen der Straßen-Draisine sind beachtlicht: Wenn die Insassen gut in Form, die Akkus aufgeladen sind und der Wind günstig steht, schafft der Viersitzer bis zu 100 km/h, heißt es unter amerikanischen PS-Bloggern, die den Fortschritt von Humancar akribisch beobachten. Interessant ist allerdings nicht nur der Antrieb: Auch die Steuerung zeigt Parallelen zu Sportarten. Ähnlich wie auf Inline-Skates oder einem Kickboard wechselt man im Image die Richtung nicht per Lenkraddreh, sondern durch Gewichtsverlagerung und das seitliche Verschieben der Hebelstange.

Bislang gibt es von Greenwoods Wunderwagen zwar nur einen Erprobungsträger, der nicht viel mehr ist als eine von Hand zusammengeschweißte Gitterbox auf Rädern. Doch wirbt der Erfinder bereits mit schmucken Animationen eines fertigen Autos, das entfernt ans Vehikel des Steinzeithelden Fred Feuerstein erinnert und wie eine überdachte Badewanne auf Rädern aussieht.

Damit es nicht bei den Computerskizzen bleibt und die Vision Wirklichkeit wird, nimmt Greenwood seit ein paar Wochen Bestellungen entgegen. Wer zum Grundpreis von 15.000 Dollar seine Order plaziert, bekommt schon bald ein Exemplar aus der limitierten Launch Series. Sobald 1000 Exemplare verkauft sind, soll die Massenproduktion beginnen.

Als Extras gibt es Pulsmesser und Kalorienzähler

Wie bei jedem Autohersteller üblich, bietet auch Humancar für den Hoffnungsträger jede Menge Zusatzausstattungen, die allerdings ein wenig weiter gehen als gewohnt: Über ein Navigationssystem und eine Freisprecheinrichtung wird man sich kaum wundern. Und auch ein Allradantrieb ist nichts wirklich Besonderes. Dass es Fenster, Türen, Heizung, Dach, und Scheibenwischer gibt, sollte selbstverständlich sein und wird vor allem die Kunden außerhalb Kaliforniens freuen. Doch Pulsuhr und Kalorienzähler waren im Auto bislang einfach nicht nötig.

Auf dem Weg in eine sparsame Zukunft konkurriert das Modell Imagine nicht mit herkömmlichen Saubermännern wie Smart oder Toyota Prius. Stattdessen wird das Fahrzeug als sogenanntes "Neighbourhood Electric Vehicle" (NEV) angemeldet.

Dies bedeutet, dass der Wagen für Geschwindigkeiten bis 50 km/h zugelassen ist, auch ohne Führerschein bewegt werden darf und dennoch für Innenstädte eine Straßenzulassung bekommt. Bislang ist der Markt für solche Mobile bescheiden, aber mal sehen: Im grünen Kalifornien gibt es immerhin 20.000 NEV und das ist ja kein schlechter Anfang.