Intermot: Das muss kesseln - DER SPIEGEL
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Intermot Das muss kesseln

Am Mittwoch öffnet die größte Motorradmesse der Welt in München ihre Tore. Die Branche zeigt vor allem extrem leistungsstarke, schnelle und martialische Maschinen. Echte Innovationen fehlen. Vielleicht mangelt es auch deshalb an Nachwuchs-Bikern?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München darf sich in der kommenden Woche wieder als heimliche Hauptstadt der Republik fühlen. Bayern-Heimspiel in der Champions League, Oktoberfest-Bieranstich, ein Kanzlerkandidat aus der Staatskanzlei im Endspurt und - Helm auf, Visier zu - das weltgrößte Motorradspektakel auf dem Messegelände. Bei der Intermot, die am Mittwoch beginnt (bis 22. September), präsentiert die Zweiradbranche ihre Neuheiten für die Saison 2003. Drei große Trends sind erkennbar: mehr Hubraum, mehr PS, mehr Ecken und Kanten.

Beschleunigung von 0 auf 200 km/h in 7,8 Sekunden

Was die Motorleistung betrifft, so scheinen nach oben kaum noch Grenzen zu existieren. Im Vor-Messe-Geraune war immer wieder zu hören, dass bei dieser Intermot wohl die 200-PS-Schallmauer durchstoßen werden - nachdem zuletzt die 300-km/h-Marke fiel (Suzuki Hayabusa). Die stärksten Serienbikes werden derzeit schon mit beachtlichem Leistungsvermögen ausgeliefert. Die Yamaha YZF-R1 zum Beispiel mit 152 PS und einer Beschleunigung von 0 auf 200 km/h in 7,8 Sekunden.

Katapultartiges Vorwärtskommen gilt als das Nonplusultra unter den Vollgas-Fanatikern der Szene. Die Klientel wird auch diesmal in Verzückung geraten. Honda etwa hat einen "Supersupersuper-Sportler" (Pressesprecher Klaus Wilkniß) angekündigt, die neue CBR 600 RR. Auf Höchstleistung und Topspeed fixiert sind auch andere Ballermänner wie die Kawasaki Z1000, die MZ 1000S oder die Aprilia RSV Mille Tuono (Donner), die erstmals gezeigt werden.

Neue Rekordwerte auf der Intermot

Bei den Motorrädern für die gemächlichere Gangart, den so genannten Choppern oder Cruisern, wächst an Stelle der Motorleistung das Hubraumvolumen. 1,5-Liter-V2-Maschinen (Kawasaki Mean Streak) gehören inzwischen zum Standardrepertoire im Big-Bike-Genre. Auch hier sind auf der Intermot neue Rekordwerte zu erwarten. Übrigens gibt es den "Volumen"-Trend auch bei den Rollern. Nach Suzuki und Honda fährt nun auch Piaggio mit dem Beverly 500 einen Halbliter-Riesenscooter vor.

Eine der interessantesten Weltpremieren allerdings verzichtet auf Hubraum-Geprotze und setzt stattdessen auf lässiges Barock-Design: Die neue BMW R 1200 CL mit auffälligem Vier-Scheinwerfer-Augen-Gesicht, fest installierten Gepäckkoffern und üppigem Chromschmuck wirkt wie die zivile Version eines Highway-Patrol-Motorrads. Allerdings wäre der 61 PS starke Boxermotor in Kombination mit der mehr als 300 Kilogramm schweren Maschine für Verfolgungsjagden ungeeignet. Hier geht es um das stilvoll-gemütliche Kilometerfressen.

Wenig Nachwuchs bei den Bikern

Kein Motorrad für junge Wilde also, ganz abgesehen vom Preis, der bei 15.100 Euro liegt. Ähnlich teuer sind die Extremsportler mit den schwindelerregenden Leistungsdaten. Und hier wird das Dilemma der Branche deutlich: Es fehlt an Nachwuchs. "Derzeit ist der durchschnittliche Motorradfahrer 39 Jahre alt, die Tendenz ist ganz langsam weiter steigend", sagt Michael Kusmanov vom Industrie-Verband-Motorrad (IVM).

Um an die jungen, potenziellen Einsteiger heranzukommen, experimentieren die Hersteller mit frischen Designideen. "Retro ist tot", sagt Aprilia-Sprecher Thomas Beyer. An Stelle der klassisch-rundlichen Formen tritt jetzt ein zackiges Styling, zahlreiche Marken kleiden die neuen Modelle in knackiges Knick-Design.

Als Vorreiter darf sich BMW fühlen: Schon 1988 nahm die K1 den Trend vorweg - und war damit viel zu früh dran. Trotzdem gelten die vormals eher verstaubten Münchner Motorradbauer längst als Trendsetter. So verblüffte Chefdesigner David Robb Konkurrenten und Kunden im Frühjahr mit dem Youngster-Bike F650 CS "Scarver". Der Mut zahlt sich aus: Seit 1992 meldet die blau-weiße Marke Jahr für Jahr neue Absatzrekorde. BMW-Motorrad-Chef Marco von Maltzan hofft, in diesem Jahr "die magische Marke von 100.000 weltweit verkauften Motorrädern" zu knacken. Noch eine Grenze, die wohl überschritten wird.