Interview mit Jutta Kleinschmidt "Am Feierabend Akte X"
SPIEGEL ONLINE:
Ihr neues Auto, den VW Race-Touareg konnten Sie erst vor ein paar Wochen erstmals in der marokkanischen Wüste testen. Wie war der Eindruck?
Jutta Kleinschmidt: Der Eindruck war sehr ordentlich. Unsere größte Sorge war, dass sich beim ersten harten Rallyetest des komplett neuen Autos ein gravierender Konstruktionsfehler zeigt. Das war aber zum Glück nicht der Fall. Im Gegenteil: Der Wagen funktioniert ausgesprochen gut.
SPIEGEL ONLINE: Welche Reserven schlummern noch im Auto?
Kleinschmidt: Ich denke, dass wir beim allerersten Renneinsatz des Autos, also bei der Dakar, ungefähr 80 Prozent des tatsächlichen Leistungsvermögens herausholen können. Es gibt also noch Luft nach oben.
SPIEGEL ONLINE: Mit welche Erwartungen gehen Sie ins Rennen?
Kleinschmidt: Auf jeden Fall wollen wir die Rallye zu Ende bringen. Unser wichtigstes Ziel ist es, in Dakar anzukommen. Und je weiter vorne wir dann liegen, desto besser.
SPIEGEL ONLINE: Diesmal folgt die Rallye der klassischen Route und ist mit 11052 Kilometern auch besonders lang. Welche Etappe wird besonders schwierig?
Kleinschmidt: Was ich gar nicht mag, sind die Kamelgraspisten vor Tidjikja. Man brettert Hunderte von Kilometern über knochenharte, kleine Erdhaufen. Das geht nicht nur wahnsinnig aufs Material, sondern auch aufs Kreuz.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Etappe, auf die Sie sich freuen?
Kleinschmidt: Ja, auf den Abschnitt zwischen Tidjikja nach Néma. Der ist mit 736 Kilometern zwar der längste der Rallye, aber auch einer der landschaftlich reizvollsten. Ich mag die Gegend um die Elefantenberge. Die Piste ist sehr anspruchsvoll, das kommt mir und dem Auto entgegen.
SPIEGEL ONLINE: Eine andere deutsche Fahrerin, Andrea Mayer, ist für Mitsubishi unterwegs. Sie fährt eine Weiterentwicklung ihres Siegerautos von 2001 und mit ihrem damaligen Copiloten Andreas Schulz. Ein komisches Gefühl?
Kleinschmidt: Überhaupt nicht. Der Andi ist eben mit Herz und Seele ein Mitsubishi-Mann. Die beiden bilden bestimmt ein gutes Team. Und außerdem ist es schön, wenn man sich im Cockpit auf Deutsch verständigen kann.
SPIEGEL ONLINE: Wie verständigen Sie sich denn mit ihrer Copilotin, der Italienerin Fabrizia Pons?
Kleinschmidt: Wir sprechen Englisch.
SPIEGEL ONLINE: Sie werden wegen ihres Studiums und ihrer Rennerfolge auch die "fliegende Physikerin" genannt. Wie würden Sie ihren Fahrstil bezeichnen?
Kleinschmidt: Ich versuche einfach, so schnell wie möglich zu fahren. Mit zurückhaltender Fahrweise geht nämlich gar nichts. Man kann vielleicht versuchen, etwas vorsichtiger ranzugehen, um das Risiko einer Panne zu drücken. Aber gewinnen kann man damit nicht. Dazu ist es zu eng geworden. Als ich vor drei Jahren gewonnen habe, hatte ich nach zehntausend Kilometern gerade mal einen Vorsprung von zweieinhalb Minuten.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Glücksbringer im Cockpit und ein paar persönliche Dinge im Gepäck?
Kleinschmidt: Jeder im Team hat vom VW-Entwicklungsvorstand Professor Bockelmann eine Kette mit dem Kreuz des Südens bekommen. Als Talisman, und den nehme ich natürlich mit. Außerdem eine selbst gebastelte Spinne, die mir ein kleines Mädchen geschenkt hat. Und für die sehr raren freien Minuten während der Rallye habe ich meinen Computer mit ein paar Musik-CDs und Film-DVDs dabei.
SPIEGEL ONLINE: Was guckt man nach einem harten Tag bei Vollgas im Wüstensand?
Kleinschmidt: Ich nehme mir den "Akte X"-Film mit. Aber eigentlich ist man froh um jede Minute Schlaf, die man bekommen kann.
SPIEGEL ONLINE: Es heißt bei VW, im ersten Jahr wollen wir bei der Dakar ankommen, beim zweiten Start dann gewinnen. Ist diese Planung realistisch?
Kleinschmidt: Planen lässt sich ein Sieg natürlich nicht. Was wir aber können bis zur Dakar 2005, ist, ein konkurrenzfähiges Auto zu bauen. Und wenn wir das haben, dann muss es auch unser Ziel sein, die Rallye zu gewinnen.
Das Interview führte Jürgen Pander.