Jetbabes Raketenautos im Erdbeerfeld
Er kommt nicht vorwärts. Aus dem Heck schlagen die Flammen, aber es hilft nichts. 335 Kilopond Schub, das sind dreieindrittel Bar Druck, damit kommt der Trabant nicht in die Stiefel. "Das Triebwerk drückt den nicht von der Stelle", sagt Wilbert van Laar.
Er sagt das missbilligend, aber mehr so philosophisch, ins Nichts gewissermaßen, weil ihn sowieso niemand hören kann. Wer jetzt noch nicht mit blutenden Ohren auf dem Asphalt rumrollt, dem pfeifen die Gehörgänge als würden ihm zehn Zahnärzte gleichzeitig ins Gebiss bohren.
"158 Dezibel!", schreit Wilbert. Das hat er vorher schon gesagt: 158 dB bringt der Trabi, das ist, wart mal 100 dB ist ein Presslufthammer in 1 m Entfernung, ein Gewehrschuss 1 m neben deinem Ohr hat 140 dB. Wenn Wilbert den Trabi zündet, ist das ungefähr 90mal so laut wie der Schuss. Der Druck des Düsenantriebs reicht nicht, den Luftwiderstand eines stillstehenden Trabant zu überwinden aber als Wilbert das Ding mal auf einen Krachwettbewerb brachte, wurde er Sieger.
Sehr schade, dass der Düsen-Trabi nicht rennen kann. Tolle Formel eigentlich: Man nehme eine Rennpappe, baue das Triebwerk der V1 ein, und ab geht die Post. Jawohl, V1, die Wunderwaffe von anno "43, angeschoben von einer Primitivform des Düsentriebwerks. Das System nennt sich Verpuffungstriebwerk oder intermittierendes Pulso-Schubrohr, war billig, aber auch damals schon schwachbrüstig: Es konnte die V1 in der Luft halten, aber zum Starten brauchte es ein Katapult.
Manche Leute bauen sich aus Spaß eigene Pulso-Triebwerke, geht auch ziemlich einfach. Wilbert brauchte das nicht zu tun, er hat fünf Jahre lang mit dem Original gearbeitet: "Hier in der Gegend liegen noch ziemlich viele von den Dingern rum. Das Schubrohr wird irrsinnig heiß, darum verwendet man die Triebwerke zur Verdampfung von Insektiziden in Gewächshäusern. Das hab ich fünf Jahre lang gemacht."
Irgendwann hatte er von den Kopfschmerzen genug, die ihm die Insektizide einbrachten, er sattelte um auf Erdbeer-Farmer, nahm sich aber einen der V1-Heuler mit. Daraus wurde Wilberts erstes Jetbabe das leider nur den Lärmrekord bricht.
Wenn die Winternächte lang sind und sich auf den Erdbeer-Äckern nichts rührt außer Krähen, vertreibt Wilbert sich die Zeit in seiner Werkstatt derzeit mit seinem zweiten Düsenauto. Das sieht aus wie ein Fiesta, hat mit dem piefigen Kompaktkölner aber soviel zu tun wie Frankensteins Monster mit Heidi Klum.
Um eine zweite Pleite zu vermeiden, nahm Wilbert gleich zwei Triebwerke. Das eine, kleinere, ist ein kleiner Turbojet, den er auf dem Schrottplatz fand. Ein Flugzeug hat dieser Turbojet nie angetrieben, wahrscheinlich stammt er aus irgendeiner Industrieanwendung, die hohe Drehzahlen braucht an einem Ort ohne Starkstromanschluss. Das kompakte Teil ist schon recht nett, macht vor allem deutlich mehr Druck als das Pulso-Teil, aber im Auto war noch viel Platz. Also baute Wilbert ein zweites Triebwerk ein.
Was genau ist das? "Tja, hm, es ist ein düsenartiger Verbrennungsraum "
Aha. Wilbert hat wie es aussieht das fehlende Entwicklungsglied zwischen dem Pulso-Triebwerk und dem Turbojet gefunden. Man nehme eine große Tafel Blech, walze sie zu einem Rohr, setze vorn den Ventilator eines Kartoffeltrockners ein, dazu ein Paar Einspritzdüsen, die irgendwo rumliegen, schließe die an die Lack-Mischpumpe aus einer Autolackiererei an und dann?
Der Ventilator läuft mit einem 250 ccm-Industrie-Zweitakter, Luft und Treibstoff kommen also in beliebiger Menge in die Brennkammer aber wie bekommt man das Gemisch zur Zündung? "Das war ein großes Problem. Wir haben sehr lange rumexperimentiert. Jetzt haben wir die Lösung: Wunderkerzen! Wenn die einmal brennen, kann man sie nicht mehr ausblasen, sie gehen also nicht aus, wenn man sie vor den laufenden Ventilator stellt. Wir tränken sie vorher mit Benzin, damit sie richtig gut fackeln. Dann muss man nur noch die Brennstoffzufuhr einschalten "
Wenn die Verbrennung erstmal läuft, kann Wilbert den Ventilator ausschalten, die Luft strömt dann von selbst zu. Er sitzt derweil auf dem Fahrersitz, eine Sitzschale aus einem Fußballstadion, vor sich das Lenkrad (ein ehemaliges Stellrad einer Drehbank), im Fußraum ein Löffel und eine Gabel (Gas und Bremse)
Sein Jetbabe II sieht aus wie ein Fiesta, weil es halt irgendwie aussehen muss. Die Bleche sind nur aufgenietet auf einen Stahlrohrrahmen ("Rohre aus dem Gewächshausbau. Wir haben hier viel Landtechnik."). Die Räder bestehen aus Mofafelgen auf Stahltellern (ehemals Scheiben einer Erdbeerpflanzmaschine) und Lager aus dem normalen Landmaschinenzubehör. Die Lenkung hat Wilbert aus Zeltstangen gebaut: "Wir wollten das Jetbabe möglichst leicht machen. Es wiegt nur 350 Kilo."
Und was läuft es?
Das weiß man noch nicht. Wilbert tüftelt noch an einem brauchbaren Bremssystem. Das kann aber nicht mehr lange auf sich warten lassen im Sommer will er mit Jetbabe II auf den Dragstrip. Und wer sich lustig macht über sein Selbstbau-Babe, der bekommt ein Ohrvoll echtes V1-Pulsotriebwerk.