Klassiker: Audis erster Großer - DER SPIEGEL
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Klassiker Audis erster Großer

Manche Dinge brauchen ihre Zeit. Dass Autos von Audi heute auf einem Niveau mit den Top-Modellen von BMW und Mercedes konkurrieren, war nicht immer selbstverständlich. Vielmehr hat man in Ingolstadt jahrzehntelang darauf hingearbeitet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein früher Versuch von Audi, in höheren Sphären des Automobilbaus bestehen zu können, war ein Modell mit dem internen Kürzel Typ 43. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die 1976 eingeführte Generation des Audi 100 und des ersten Oberklasse-Versuchs Audi 200.

Wer heute einen dieser Audis sieht, wird feststellen, dass sie vor allem eines sind - ziemlich kantig. Die Linien wirken wie mit dem Lineal gezogen, selbst bei Scheinwerfern und Rückleuchten geht es eckig zu. Als die ersten Audi 100 auftauchten, lösten sie zwar keine überschäumende Begeisterung aus, aber sie wurden als praktisch und modern akzeptiert.

Tatsächlich steckte in der schlichten Form des Typ 43 jedoch einiges an Feinschliff. So hatte man viel Mühe darauf verwendet, den Luftwiderstand zu reduzieren. Daneben war auch das Gewicht ein Thema. Denn zusätzliche Kilos bewirken auch einen höheren Verbrauch, was nach der Ölkrise Anfang der siebziger Jahre unerwünscht war. Die Entwickler schafften es, die immerhin 4,7 Meter lange Limousine in der einfachsten Version auf ein Gesamtgewicht von gerade einmal 1100 Kilogramm zu bringen. Im Vergleich dazu ist heute so manches Kompaktmodell ein Schwergewicht.

Auch Porsche fuhr mit einem Audi-Motor

Eine kleine Revolution fand unter der Motorhaube statt. Auf der Suche nach Leistung und Laufruhe jenseits üblicher Vierzylinder-Konstruktionen waren die Ingenieure nicht der ebenfalls klassischen Sechszylinder-Idee gefolgt. Vielmehr versuchten sie es mit der goldenen Mitte. So kam es, dass es den Audi 100 mit dem seinerzeit ungewöhnlichen Fünfzylindermotor gab. Der leistete mit Benzin-Einspritzung und 2,2 Litern Hubraum anfangs 100 kW/136 PS und beschleunigte den Wagen immerhin auf 190 km/h.

Später wurde eine fünfzylindrige Vergaser-Version mit 85 kW/115 PS nachgereicht. Das führte dazu, dass mit dem bislang ebenfalls angebotenen 85 kW/115 PS starken 2,0-Liter-Vierzylinder ein echtes Erfolgsmodell aus dem Programm verschwand: Das Aggregat sorgte bis dahin nicht nur im Audi 100 für Vortrieb, es wurde auch in den VW-Kleinlaster LT implantiert. Dem Porsche 924 vermieste der Audi-Motor jedoch dauerhaft den Ruf - mancher Porsche-Purist rümpft heute noch die Nase, wenn er an den "Volksporsche" mit Ingolstädter Antrieb denkt.

Bei Audi hatte man noch manche andere Idee, was sich mit dem Fünfzylinder-Prinzip machen lassen könnte - ein Diesel zum Beispiel. Der 1978 vorgestellte Audi 100 5D leistete 51 kW/70 PS. Ein Jahr zuvor war zudem eine neue Karosserievariante vorgestellt worden, die in der späteren Zukunft das Image der Marke Audi stark prägen sollte. Jemand war auf die Idee gekommen, eine Mischung aus herkömmlicher Stufenhecklimousine und Kombi zu modellieren. Dabei kam eine Schräghecklimousine mit der Bezeichnung Avant heraus.

Audis Designer waren der Ansicht, dem Auto mit der großen Heckklappe einen progressiven Charakter verliehen zu haben. Die meisten Betrachter sahen das etwas anders. Der Avant war zwar beileibe nicht hässlich, wirkte aber auch nicht außergewöhnlich, erinnerte das Grundprinzip doch an den damaligen VW Passat, von dem Unmengen unterwegs waren. Womöglich sorgte gerade diese Anmutung eines irgendwie "aufgepumpten" Passats dafür, dass der erste Avant nicht zu dem erhofften Erfolg wurde.

Filmrolle für den Audi 100

Aber es gab noch andere Ideen zur Weiterentwicklung des Audi 100: Man verpasste ihm andere Scheinwerfer, nannte ihn 5000 und verkaufte ihn in den USA. Dass das Auto aus Ingolstadt in Amerika seine Fans hatte, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass der Audi 5000 im Hollywoodfilm "E.T." als Familienkutsche dienen durfte.

Eine andere Idee war, den Audi 100 mit reichlich Kosmetik zum Oberklassemodell aufzupeppen. Damit entstand der Urahn des heutigen A8. Zunächst aber erhielt der neue Audi die Typenbezeichnung 200 und unterschied sich vom kleinen Bruder durch rechteckige Doppelscheinwerfer, einen Frontspoiler und geänderte Stoßstangen. Drinnen gab es reichlich Ausstattung ab Werk - von elektrischen Fensterhebern über Zentralverriegelung und Servolenkung bis hin zu plüschigen Sitzbezügen.

Am stärksten allerdings merkten Käufer den Unterschied beim Tritt auf das Gaspedal: Dem 1979 vorgestellten Audi 200 gab nämlich ein Turbolader zusätzlichen Schwung. Das Ergebnis waren 125 kW/170 PS und eine Höchstgeschwindigkeit jenseits von 200 km/h. Im gleichen Jahr brachte ein Facelift dem Audi 100 größere Scheinwerfer und weiße Blinker, geänderte Rückleuchten sowie einen überarbeiteten Innenraum. 1982 lief die Produktion des Typs 43 laut der in Mainz erscheinenden Zeitschrift "Oldtimer Markt" nach rund 950.000 Exemplaren aus.

Doch auf das Erfolgsmodell wartete eine zweite Karriere. Es wurde zum Renner bei Gebrauchtwagenkäufern, die große Limousinen zu einem günstigen Preis suchten. Leider investierten diese mehr ins Fahrvergnügen als in die Wartung. So gibt es heute kaum noch Exemplare des Audi 100 auf den Straßen. Ähnlich erging es dem großen Bruder: Die Begegnung mit einem Audi 200 jener Zeit dürfte heute daher eher selten sein.

Von Heiko Haupt, gms

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