Konditionssicherheit im Auto: Der Pulsentschleuniger - DER SPIEGEL
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Konditionssicherheit im Auto Der Pulsentschleuniger

Wenn es nach den Designern geht, soll ein Auto den Puls der Kunden hochtreiben. Doch hinterm Steuer gilt eine hohe Herzfrequenz als Zeichen schlechten Komforts und mieser Ergonomie. Angeschlossen an ein EKG, startete SPIEGEL ONLINE im Mercedes R zum Selbstversuch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Goetz Renner kann ein Auto nicht "langweilig" genug sein. Denn wenn der Kundenforscher in der Mercedes-Entwicklung bei seinen Probanden einen dauerhaft erhöhten Pulsschlag misst, haben die Entwickler etwas falsch gemacht. "Die Pulsrate ist für uns einer der wichtigsten Indikatoren, der Aufschluss über Wohlbefinden und Anspannung, die Konzentration und die Leistungsfähigkeit des Fahrers gibt", sagt Renner. "Je schneller das Herz schlägt, desto angespannter ist der Fahrer und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in kritischen Situationen einen Fehler macht", erläutert der Wissenschaftler und erklärt damit, warum Mercedes all diese Faktoren zur sogenannten Konditionssicherheit zusammengeführt hat. Die wiederum ist einer von vier Pfeilern der Sicherheitsentwicklung: "Nur ein entspannter Fahrer ist ein sicherer Fahrer", heißt hier die Maxime.

Aktuelles Referenzmodell der Schwaben ist die R-Klasse, die mit viel Platz, komfortabler Ausstattung und zahlreichen Assistenzsystemen für eine besondere Entlastung des Fahrers sorgen soll. Das haben Renner und seine Kollegen in zahlreichen Messungen bei Langstreckenfahrten ermittelt, bei denen – voll verkabelt mit einem halben Dutzend Sensoren - auch SPIEGEL ONLINE am Steuer saß. "Die Daten lagen bei Fahrten mit der R-Klasse systematisch unter den Belastungswerten vergleichbarer Modelle", fasst Renner die Analyse der mehr als 80 Millionen Messwerte zusammen. Während das Herz in der R-Klasse pro Minute im Mittel 81,9 Mal geschlagen habe, seien es in den Vergleichsfahrzeugen bis zu 1,6 Schläge mehr gewesen. Insbesondere dort, wo die R-Klasse mit ihrem stattlichen Format und ihrem üppigen Gewicht zu einer ruhigeren Gangart motiviert - auf Landstraßen und kurvigen Strecken - bleibt die Pulsrate deutlich hinter jener in Vergleichsfahrzeugen zurück.

Viele Details ergeben zusammen mehr Wohlbefinden

Eine hohe Konditionssicherheit kann man nach Überzeugung der Experten nur durch das Zusammenspiel vieler kleiner Einzelmaßnahmen erreichen: So muss der Innenraum nicht nur ausreichend Platz für Menschen jeder Größe bieten, sondern auch die Sitze müssen sich optimal einstellen lassen. Eine gute Federung und die Kapselung des Motors halten akustische und körperliche Schwingungen fern.

Und noch besser als gut erreichbare Schalter und Bedienelemente ist eine Sprachsteuerung, wie sie als Option in immer mehr Autos und für immer mehr Funktionen angeboten wird. Ebenfalls der Konditionssicherheit dienlich sind Assistenten wie Regensensor oder automatisches Fahrlicht, weil sie dem Fahrer einen Teil seiner Aufgaben zuverlässig abnehmen. Und wenn der Abstandsregeltempomat Distanz und Tempo überwacht, werden ebenfalls die Ressourcen des Fahrers geschont.

Wichtig für einen "kühlen Kopf" ist auch die Klimaanlage. Ihren positiven Einfluss auf Wohlbefinden, Kondition und Konzentration hat unter anderem Skoda bei medizinisch begleiteten Extremtests im amerikanischen Death Valley nachgewiesen. "Selbst bei Außentemperaturen von bis zu 50 Grad sind die Fahrer buchstäblich 'cool' geblieben", sagt Skoda-Sprecher Christoph Ludewig, "wenn die Climatronic den Innenraum entsprechend abgekühlt hat."

Mit ausgeschalteter Klimaanlage dagegen lasse sich schon nach wenigen Kilometern eine deutlich Verschlechterung der Gesamtkondition nachweisen, fasst Verkehrsmediziner Markus Schmitt die Messergebnisse zusammen: "Die Herzfrequenz geht zurück, die Körpertemperatur steigt, und die Auffassungsgabe wird schlechter." In der Summe führe dies zu vorzeitiger Ermüdung, nachlassender Aufmerksamkeit und verminderter Reaktionsfähigkeit. "Hohe Temperaturen ohne Klimaanlage sind ähnlich gefährlich wie Fahrten unter Alkoholeinfluss", sagt Schmitt.

Die Wirbelsäule als Gradmesser der Ermüdung

Ein weiteres Indiz für die Beanspruchung des Fahrers liefern Bewegungsmessungen der Wirbelsäule. Bei schlecht eingestellten Sitzen ebenso wie bei hoher Innenraumtemperatur seien die Fahrer schneller ermüdet, sagen die Experten des Biotec-Unternehmens "friendly sensors" in Jena.

Vor allem am Kopf seien weniger Bewegungen registriert worden: "Die Fahrer haben sich unmerklich einer typischen Schlafhaltung genähert, den Kopf immer weiter nach hinten gelegt und kaum mehr in die Spiegel oder gar über die Schulter geschaut." Vermeiden oder zumindest hinauszögern lasse sich diese Reaktion mit sorgfältig eingestellten Sitzen sowie gelegentlicher Rückengymnastik während der Fahrt und erst recht in den Pausen. "Denn die Ermüdung des Rückens kommt schleichend und ist der erste Schritt zum unsicheren Fahrverhalten."

Das geschickte Drehen an all diesen Stellschrauben hat einen nachhaltigen Einfluss auf das Wohlbefinden des Fahrers – und damit auch auf die Sicherheit. Denn nur ein entspannter und entlasteter Fahrer habe ausreichend körperliche und psychische Reserven, um in gefährlichen Momenten passend reagieren zu können, sagt Mercedes-Experte Renner. "So erhalten wir den Handlungsspielraum, den er in kritischen Situationen vielleicht dringend braucht."

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