E-Scooter: Entspannt stromern
Konzept-Studie E-Scooter BMW steht unter Strom
Sie war eine der Überraschungen der Motorradmesse EICMA im vergangenen November: die Ankündigung von BMW, einen Großroller mit eigenem Zweizylinder-Motor zu bauen. Über eine elektrisch angetriebene Version des "Concept C" wurde damals nur leise gemunkelt - und jetzt geht alles ganz schnell. Auf ihren Innovations-Tagen 2011 haben die Münchener Motorradbauer den E-Scooter nicht nur angekündigt, sondern bereits fahrbereit gezeigt.
Zu langsam, zu schwer, eine zu geringe Reichweite: "Das kommt für uns nicht in Frage," sagt Christian Ebner, der Projektleiter. Ebner hat vor dem Wechsel in die Stromer-Etage für das Formel-1-Team des Konzerns gearbeitet und formuliert für einen BMW E-Scooter andere Ziele: "Wenn wir in zwei oder drei Jahren auf den Markt kommen, werden wir vom Gewicht her nicht weit über den Verbrennern liegen und auch in der Geschwindigkeit mit einem 600 Kubik-Roller mithalten können. Und wir werden für zwei Passagiere Reichweiten über Hundert Kilometer haben."
Ebner ist davon überzeugt, dass die Reichweit der entscheidende Faktor bei der Akzeptanz von Elektrofahrzeugen ist. "Das ist ein psychologisches Phänomen. Tatsächlich brauchen die meisten Umland-Pendler keine 100 Kilometer Reichweite, aber man möchte sie in der Hinterhand wissen."
Hightech aus der Auto-Abteilung
Für den E-Scooter hat sich BMW vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung fördern und einiges einfallen lassen. Resultat: Ein Großroller dieser Machart wurde bisher nicht auf die Straße gebracht - die Konzept-Studie hat keinen konventionellen Hauptrahmen; das Batteriegehäuse aus Aluminium ist das tragende Element. Mit ihm verbunden sind der Lenkkopfträger sowie der Heckrahmen und die Einarmschwinge mit liegend montiertem Federbein.
Auf einen Nabenmotor mit Direktantrieb kann BMW bei den hohen Anforderungen nicht zurückgreifen. Statt dessen wurde die E-Maschine direkt hinter dem Batteriegehäuse montiert. Der Schub kommt auf der Straße über ein komplexes System an - über einen Zahnriemen wird eine Riemenscheibe mit Ritzel angetrieben, von dort aus gelangt die Kraft via Rollenkette zum Hinterrad. Wird der Roller gebremst, können bis zu 20 Prozent der kinetischen Energie gespeichert werden. Im Fahrbetrieb werden Motor und Steuerungselektronik flüssig gekühlt; die Batteriespeicher sind luftgekühlt und können an einer normalen Steckdose in drei Stunden voll aufgeladen werden.
"Wir haben natürlich einen gewaltigen Vorteil bei der Entwicklung", sagt Projektleiter Ebner. "Wir können auf die geballten Ressourcen und die Erfahrung unserer Kollegen vom Project I mit dem BMW Megacity Vehicle zurückgreifen. Auch dort geht es ja darum, nicht etwa ein konventionelles Fahrzeug auf Batterieantrieb umzumünzen, sondern eine komplett neue Architektur zu entwickeln."
Innovation geht in München besser
Ohne die genauen Daten und Bauteile zu kennen - wenn BMW seiner Ankündigung Taten und eingehaltene Lieferzeiten folgen lässt, haben die Münchener einen weiteren Beweis dafür geliefert, dass Innovation im Motorradbau zur Zeit fast ausschließlich in Europa statt findet.
Beispiel Honda: Der Weltmarktführer Honda hat vor wenigen Wochen in Barcelona seinen EV-neo vorgestellt, dem ersten "umweltfreundlichen Elektroroller für die Stadt", mit dem sich der Konzern auf dem europäischen Markt präsentiert.
Das war irritierend: ein kleiner Einsitzer mit umgerechnet 3,8 PS, mit dem der Fahrer Spitzengeschwindigkeiten von 45 Km/h erreicht und eine theoretische Reichweite von knapp 40 Kilometern hat. Das kann jeder chinesische Baumarkt-Roller billiger und jedes Pedelec besser.
Davor muss man in München keine Angst haben. "Ich bin den E-Scooter gefahren," erzählt Hendrik von Kuenheim, Chef der BMW-Motorradsparte, nach der Vorstellung in München am fortgeschritten Abend. "Der geht jetzt schon gut und locker über 120 Km/h. Und warten Sie mal ab, was wir in den nächsten zwei Jahren noch rausholen aus der Plattform." Bleibt zu hoffen, dass der Roller auch bezahlbar sein wird. Denn nicht nur die Reichweite ist entscheidend für den Erfolg, sondern auch der Preis.