Lada: Alte Liebe an der Wolga - DER SPIEGEL
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Lada Alte Liebe an der Wolga

Nach wie vor dominiert der konkurrenzlos billige Lada den russischen Automarkt. Doch der Hersteller befindet sich in einer Zwickmühle: Er kann seine Autos nicht teurer verkaufen - und deshalb auch nicht modernisieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Togliatti - Der russische Lada mag als veraltet und unzuverlässig gelten. Dennoch hat das Auto, dessen Name auf altrussisch Geliebte bedeutet, in Russland Hochkonjunktur. Im vergangenen Jahr wurden sieben von zehn russischen Autos von Lada-Hersteller Awtowas produziert. Die drei Fließbänder in Togliatti an der Wolga arbeiten mit voller Auslastung: Alle 20 Sekunden rollt ein neuer Lada aus dem Werk. 2200 sind es am Tag, 680.000 im Jahr.

Es ist vor allem der niedrige Preis, der den Lada im verarmten Russland so populär macht. Das billigste Modell, der 2106, im Ausland als Lada 1600 bekannt - kostet nur 2200 Dollar (4450 Mark). Es wird praktisch unverändert seit 24 Jahren gebaut. Aber selbst Autos der modernsten und teuersten Reihe 2110 sind schon für weniger als 5000 Dollar zu kaufen. Angesichts der ebenso billigen Lada-Ersatzteile können da selbst gebrauchte Importwagen kaum mithalten. Die Einfuhr wird zudem durch hohe Zölle gebremst. Seit der drastischen Entwertung des Rubels 1998 hat sich der Autoimport halbiert.

Angesichts der steigenden Rohstoffpreise muss aber auch Lada ständig die Kostenbremse anziehen. Autos und Produktion werden auf das Einfachste reduziert. Noch vor zwei Jahren steckten in jedem Lada importierte Bauteile im Wert von bis zu 400 Dollar. Nur noch gut 130 Dollar sind es heute. Dennoch mussten die Preise Anfang dieses Jahres erneut um fünf Prozent angehoben werden. Dem Sparzwang fallen auch Qualität und Fahrkomfort zum Opfer. Extras wie Automatik-Getriebe oder bessere Innenausstattung sind für die Mehrheit der Russen sowieso unerschwinglicher Luxus.

Seit Produktionsbeginn im April 1970 hat Lada insgesamt 19 Millionen Autos gebaut. Fast alle rollten in Togliatti von einem der drei Fließbänder, die sich in den vergangenen 30 Jahren nur wenig verändert haben. Der betagten Montage-Anlage ist ihr Alter anzusehen. Es dominiert die Handarbeit mit einfachen Instrumenten, Augenmaß geht über Präzision. Die Kommunikation zwischen einzelnen Abschnitten erledigen Boten auf Fahrrädern, die an dem zwei Kilometer langen Fließband entlangflitzen. So werden beispielsweise Anweisungen weitergegeben.

Als das Werk Ende der sechziger Jahre vom italienischen Fiat-Konzern gebaut wurde, war es ein Musterstück des modernen Autobaus. Als Ausgangsmodell für den Lada diente der gerade erst zum Auto des Jahres gewählte Fiat 124. In den folgenden Jahrzehnten verpasste die Sowjetunion jedoch hoffnungslos den Anschluss an moderne Technologien. Trotz der Anstrengungen tausender Entwickler waren spätere Lada-Modelle bereits veraltet, noch bevor sie in Serie gingen.

Die Montage eines Autos dauert heute etwa fünf Stunden. An den Fließbändern arbeiten in zwei Schichten insgesamt 26.000 Menschen, die um die 2000 Rubel (145 Mark) im Monat verdienen. In der russischen Provinz gilt dies als anständiges Gehalt, zumal es rechtzeitig ausgezahlt wird. Insgesamt beschäftigt Awtowas 110.000 Arbeiter und Ingenieure. Vom Lada-Werk hängt damit gut die Hälfte der Einwohner der nach dem italienischen Kommunisten Palmiro Togliatti benannten Stadt ab.

Auch der Werksleitung ist klar, dass die Lada-Produktion in ihrer heutigen Form nicht zukunftsfähig ist. Doch die Autos müssen so billig verkauft werden, dass mit den Einnahmen keine weit reichende Modernisierung zu finanzieren ist. Zudem schuldet der Konzern dem Staat noch 4,5 Milliarden Rubel an Steuern aus früheren Jahren, die in Raten abgezahlt werden.

Deswegen wird seit Jahren nach einem starken ausländischen Partner gesucht. Derzeit ist ein Vertrag mit US-Autokonzern General Motors im Gespräch. In einem Gemeinschaftsunternehmen sollen jährlich 100.000 Geländewagen der neuen Lada-Reihe 2123 sowie 20.000 Opel Astra gebaut werden. Das finanzknappe Awtowas will die Produktionsflächen beisteuern und erhofft sich von GM im Gegenzug 500 Millionen Dollar Investitionen.

Die Aussichten für den russischen Automarkt schätzen russische Experten durchaus positiv ein. Von den insgesamt 19 Millionen Autos in Russland ist mehr als die Hälfte über zehn Jahre alt. Allein die derzeitige jährliche Nachfrage wird auf 1,7 Millionen Fahrzeuge geschätzt. 1999 wurden immer noch 600.000 Gebrauchtwagen eingeführt.

Andrej Sokolow