Lieferwagen Eine Frage des Risikos
Stuttgart - Manchmal hat Werbung wirklich eine Aussage, wenn auch nicht unbedingt die vom Auftraggeber gewollte: Wenn Formel-1-Pilot Heinz Harald Frentzen mit einem gelben Lieferwagen über die Fernsehbildschirme rast, macht dies nicht nur wie gewollt auf schnelle Lieferungen aufmerksam.
Daneben ist dieser Werbespot Sinnbild für eine Besorgnis erregende Entwicklung auf den Straßen. Gerade die rasenden Transporter mit ihrem Pkw-ähnlichen Leistungsvermögen sorgen zunehmend für Unfälle. Jetzt hat sich erstmals eine Studie mit dem Thema befasst - und Experten fordern, der gefährlichen Entwicklung einen Riegel vorzuschieben.
Um etwa 60 Prozent ist die Zahl der Unfälle mit Verletzten bei den so genannten Güterkraftfahrzeugen bis 7,5 Tonnen von 1991 bis 1999 gestiegen, so die Sachverständigen-Organisation Dekra in Stuttgart in der Pilotstudie. Bei den schwereren Güterkraftfahrzeugen dagegen blieb die Zahl im genannten Zeitraum etwa gleich. Bemerkenswert sei eine Zunahme derartiger Unfälle auf Autobahnen und Landstraßen.
In diesem Zusammenhang wurden von der Dekra eine Reihe von Unfällen untersucht, bei denen Transporter beteiligt waren - also jene Lieferwagen bis 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht mit Pkw-Zulassung, die auf der Autobahn gut und gern Tempo 160 erreichen. Dabei wiederum entdeckte man eine Reihe von Auffälligkeiten. Zum einen wurde deutlich, dass Transporter häufiger in Kurven verunglücken als Pkw. Außerdem fuhr jeder achte Transporter vor dem Crash schneller als Tempo 100, verunglückte also mit ähnlichem Tempo wie ein Pkw.
Etwa die Hälfte der Insassen der Transporter in den begutachteten Fällen wurde beim Zusammenstoß schwer verletzt oder starb. Und obwohl nahezu jedes der Fahrzeuge mit einem Sicherheitsgurt ausgerüstet war, hatten sich nur 23 Prozent der Insassen angeschnallt.
Diese ersten Zahlen sind für Verkehrsexperten ein Warnzeichen. "Und die Unfallzahlen werden in Zukunft wohl noch zunehmen", sagt Werner Andres vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) in Frankfurt. So werde zum Beispiel E-Commerce dazu führen, dass künftig noch öfter und schneller Waren mit derartigen Transportern ausgeliefert werden müssen.
Diese Zunahme dürfte auch einen Trend verstärken, der bereits jetzt für die Gefahr mitverantwortlich ist. Laut Andres ist das Transporterfahren für viele ein Aushilfsjob. Das Risiko bestehe darin, dass Fahrer mit wenig Erfahrung ein Fahrzeug bewegen, das zwar so schnell ist wie ein Pkw. "Die größeren Fahrzeuge haben aber wegen ihres Gewichtes ein anderes Fahrverhalten", sagt Rainer Hillgärtner, Sprecher des Auto Club Europa (ACE) in Stuttgart.
Allerdings dürften laut Hillgärtner auch die Hersteller nicht aus der Verantwortung entlassen werden. "Bei manchen dieser Transporter beginnt die Knautschzone am Knie des Fahrers." Denn anders als im Pkw sitzt vorne nicht ein schützender Motor, der Aufprallenergie aufnehmen kann - die Aggregate sind vielmehr meist unter dem Fahrer installiert. "Das ist mit ein Grund für die oft schlimmen Unfallfolgen."
In Hinblick auf das laxe Anschnallverhalten appellieren sowohl ACE als auch BGL zum einen an die Selbstdisziplin der Fahrer. Sie sollten trotz der kurzen Strecken zwischen ihren Lieferadressen nicht auf den Gurt verzichten. Außerdem sei die Polizei gefordert, öfter zu kontrollieren.
Ein weiteres Risiko ist laut Andres der Umgang mit der Ladung. Die werde oft nicht zureichend gesichert und könne beim Bremsen beziehungsweise in Kurven rutschen und kippen - unerfahrene Fahrer haben es dann schwer, das spontan geänderte Fahrverhalten zu meistern. Nicht zu unterschätzen ist laut Andres auch das Thema Gefahrgut. Auch die Kleinen dürfen kennzeichnungspflichtige Gefahrgüter transportieren - zwar nicht in riesigen Mengen, dafür aber mit hohem Tempo, denn anders als bei den großen Lastkraftwagen unterliegen sie auch beim Gefahrguttransport keinem Tempolimit.
Heiko Haupt, gms