Marcus-Wagen: Ur-Auto rollt bald wieder - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Marcus-Wagen Ur-Auto rollt bald wieder

Ob er das erste Auto überhaupt war oder ob dieser Titel dem dreirädrigen Benz zusteht, bleibt ungeklärt. Der Marcus-Wagen ist jedoch unumstritten das älteste im Original erhaltenen Benzinautomobil der Welt. Bald soll er wieder über die Straßen rollen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wien - Bequem sieht er nicht gerade aus: Die Karosserie besteht aus geraden, harten Eichenholzplanken, der Fahrersitz hat keine Rückenlehne, vor der Rückbank gibt es keine Bodenbretter, und das Lenkrad ist eine einfache Stahlkurbel. Doch auf Bequemlichkeit kam es dem Mechaniker Siegfried Marcus vor rund 130 Jahren nicht an, wichtig war, dass seine Erfindung rollte - angetrieben durch einen Benzinmotor. Der Marcus-Wagen gilt heute als das älteste, noch fahrbare Automobil der Welt. Doch seit Jahren ist der Bretterkasten auf Holzrädern schon keinen Meter mehr gefahren. Der kostbare Oldtimer, der sich im Besitz des österreichischen Automobilclubs ÖAMTC befindet, steht unter strengem Denkmalschutz.

Nun wird bald wieder ein Marcus-Wagen die Straße unter die Räder nehmen: Der einmalige Prototyp wird nachgebaut. Sechs Mitarbeiter des Technischen Museums Wien, das das Fahrzeug seit 1915 beherbergt, arbeiten bereits seit Februar an einem Nachbau und wollen ihn Anfang November zur ersten Mal auf dem Heldenplatz in Wien öffentlich fahren lassen. Als prominenter Beifahrer habe sich der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer angemeldet, kündigte die Museumssprecherin Barbara Hafok gegenüber SPIEGEL ONLINE an.

Der Mechaniker und Erfinder Siegfried Marcus begann 1873, sich mit dem Bau von Automobilen zu beschäftigen, und konstruierte sein hölzernes Cabrio zwischen 1875 und 1888. Das genaue Datum ist nicht bekannt. Als besonders fortschrittlich galten damals die magnetelektrische Zündung und der Bürstenvergaser des Marcus-Wagens. Mit seinen 0,75 PS brachte es das Gefährt auf eine Höchstgeschwindigkeit von sechs bis acht km/h. Der Fahrer hatte alle Hände voll zu tun: Er musste mit einer Hand permanent die Kupplung ziehen und mit der anderen Hand lenken und ab und zu an einer Schraube in der Sitzbank das Gemisch im Motor regulieren.

Marcus wurde 1831 in Malchin bei Schwerin in Mecklenburg geboren. Er ging in Hamburg in die Lehre und zog etwa 1852 nach Wien, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Der Erfinder hatte zahlreiche Patente inne, zum Beispiel für Sicherheitsventile an Dampfkesseln, elektrische Lampen, Wagenfedern und Motoren, und gilt als einer der wesentlichen Automobil-Pioniere. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten Gottlieb Daimler und Carl Benz blieb ihm der große finanzielle Erfolg verwehrt. Benz hatte einwandfrei nachweisbar 1885 ein dreirädriges Fahrzeug mit Verbrennungsmotor und elektrischer Zündung gebaut, das mit 0,8 PS stolze 16 km/h erreichte.

Gebaut wurde der sogenannte Zweite Marcus-Wagen - der Erste war ein handwagenähnliches Gefährt - von der Maschinenfabrik Märky, Bromovsky & Schulz in Adamsthal im heutigen Tschechien und feierte Premiere auf der Jubiläumsausstellung 1898 in der Wiener Rotunde, im Rahmen der Sonderschau "Collectivausstellung der Automobilebauer Österreichs".

Die tschechische Nachfolgefirma Adast hat an dem Nachbau als Sponsor einen großen Anteil: Sie baut den Einzylindermotor mit original rekonstruiertem Werkzeug nach. Der Zusammenbau findet in den Werkstätten des österreichischen Museums in Zusammenarbeit mit der Wiener Schule der Technik TGM statt. Den Tüftlern liegen sogar Original-Pläne von Marcus vor, der sie jedoch damals ständig verändert hatte. Helfen sollen aber auch Pläne aus den Fünfzigern, als der Wagen bereits im Detail vermessen worden war, bevor das österreichische Bundesdenkmalamt jeden Zugriff verbot.

Unter dem Motto "Technik erlebbar machen" wird das Replikat nach der Fertigstellung oft außerhalb des Wiener Museums zu sehen sein, sagt Hafok. Platz nehmen darf demnächst jedermann während Museumsaktionen und auf Oldtimerveranstaltungen.

Technische Daten

Hersteller Siegfried Marcus/Märky, Bromovsky Schulz
Typ Marcus-Wagen
Motor Einzylinder-Mittelmotor (Patent Marcus), Spritzbürstenvergaser
Hubraum 1570 ccm
Leistung 0,75 PS (0,55 kW)
Drehzahl max. 500 U/min
Geschwindigkeit 6 bis 8 km/h
Herstellungsort Wien/Adamsthal
Entstehungszeit unklar, Datierung zwischen 1875 und 1888
Quelle: Technisches Museum Wien

Mehr lesen über